Anna Netrebko singt Tschaikowskys Iolanta in der Philharmonie Essen

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Anna Netrebko tourt derzeit mit der Opernproduktion „Iolanta“ von Tschaikowsky. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Um Iolanta, Heldin von Tschaikowskys gleichnamiger Oper, ist eine Scheinwelt gesponnen. Sie ist blind, doch weiß sie es nicht. Der König, ihr Vater, und ihre Begleiterinnen haben sie ihr Leben lang glauben lassen, ihr fehle nichts. Auch dass sie eine Prinzessin ist, weiß sie nicht. Erst die Liebe zu einem Mann löst die Erkenntnis und den Wunsch nach Heilung aus.

Aufgeklärt kann man das Sujet, das Tschaikowskys Bruder Modest ausarbeitete, wirklich nicht nennen. Dafür ist der Einakter mehr als hörenswert, Tschaikowsky entwarf eine lichte, funkelnde Märchenwelt, ähnlich der seiner Ballette – der „Nussknacker“ wurde 1892 zugleich mit der „Iolanta“ uraufgeführt. Durch den entrückten Garten der Iolanta zieht jedoch ein Unterton von Sehnsucht und erfühltem Mangel. Anna Netrebko tourt gerade mit einer für sie maßgeschneiderten Produktion der „Iolanta“ und war in der Philharmonie Essen zu hören.

Tschaikowskys letzte Oper, geschrieben im Jahr vor seinem Tod, feiert die Liebe, seine Melodik und der aufpochende Puls fahren Gefühle in weiten Spannen zwischen Melancholie und überschäumender Freude nach. Die Liebe siegt, das Aus-der-Welt-gefallen-Sein der Iolanta hat ein Ende, ein Lobgesang an Gott folgt. Tschaikowsky führt die drei musikalischen Pole der Oper – die Heiterkeit des Gartens, Iolantas Melancholie und die helle, forsche, durch Hörner dominierte Thematik der Männerwelt, des Außen – zusammen und löst sie in indifferentem Strahlen auf.

Iolanta ist ein Märchengeschöpf, dem Anna Netrebko frauliche, hingebungsvolle Töne verleiht. Sie ist in glänzender Form. Ihre Stimme ist nachgedunkelt, wirkt runder und voller, da ist aber auch ein Hauch von Kälte und Schwärze in ihrem Timbre; die metallische Note, die schon früher da war, ist jetzt subtiler. Das russische Repertoire ist ihre musikalische Heimat, die Hinwendung zu Partien wie der Iolanta, die die 41-jährige in den vergangenen Jahren vollzogen hat, eine hörbar gute Entscheidung.

Ein wunderbarer russischer Tenor ist Sergey Skorokhodov, der als Graf Vaudémont neben Schmelz heldische Kraft bietet. Überhaupt ist die Besetzung luxuriös, man weiß kaum, wohin man zuerst hören soll, von Monica Boninecs mitfühlender Marta und Lucas Meachems Leibarzt bis zu Jun Ho Yous silbrigem Alméric. Vitaly Kowaljow gibt dem König René mit seinem ausgewogenen Bariton tragische Wucht, Alexei Markov ist ein nobler, kraftvoller Robert.

Akustische Druckbetankung wird betrieben vom Chor und Orchester der Slowenischen Nationalphilharmonie unter Emmanuel Villaume, die die üppige Partitur gerade so weit aufrauen, dass die drängende Schönheit des Melos um so wirkungsvoller aufstrahlt.

Quelle: wa.de

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