Andreas Beck inszeniert am Theater Dortmund die Revue „Drama Queens“

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In Dortmund klappt’s mit der Liebe zwischen Romeo und Julia – ist ja auch alles nur Theater im Liederabend „Drama Queens“. Hier eine Szene mit Merle Wasmuth und Sebastian Graf.

Von Carmen Möller-Sendler DORTMUND - „Ich bin’s, der Ralle: Die Pappnasen von Peer Gynt haben gestern vergessen, das Wasser von der Bühne abzulassen. Die Probe für Romeo und Julia findet deshalb heute in der Kantine statt!“ Kleine Ansage, große Wirkung: Was die Theaterkantine dank dieser Panne an echten und inszenierten Dramen so erlebt, ist Stoff für einen ausgelassenen, vergnüglichen Liederabend im Schauspiel Dortmund, den man so schnell nicht vergessen wird.

Bereits in der vergangenen Spielzeit kam der Liederabend „La Cantina Adrenalina“ überaus gut beim Publikum an. 26 Lieder baut Andreas Beck in „Drama Queens – Neue Songs aus der Kantine“ nach einer Idee von Christian Quitschke und unter musikalischer Leitung von Paul Wallfisch ein in die Rahmenhandlung von der Theatertruppe, die in der Kantine probt. Und das unterhält von Abba und Alexandra über Leonhard Cohen, Kraftwerk, die Knef, Heinz Rudolf Kunze und die Eurythmics bis hin zu Funny van Dannen, Led Zeppelin und Kurt Weill so köstlich, dass die Besucher bei der Premiere nach ausdauernden stehenden Ovationen den Saal mit einem entspannten, seligen Lächeln verließen.

Die Hauptfiguren Romeo und Julia (Sebastian Graf und Merle Wasmuth) sind auch im echten Leben ein Paar. Leider kommt ihnen die langbeinige Kantinenfrau in die Quere, die auch schauspielert und schon so einiges erlebt hat. Bettina Lieder spielt sie mit rotzfrecher, erfrischend unverstellter Barbiepuppen-Erotik, der selbst der männlich-markante, selbstverliebte Romeo im weißen Anzug mit Künstlerschal erliegt. Nicht nur der: „Was is’n das für’n wundervoller Hintern, der da nebenan am Tresen steht?“, der geträllerte Kantinenfrau-Kommentar aus „Weil ich ein Mädchen bin“ von Lucilectric gilt bald schon dem herrlich tollpatschigen Regieassistenten (Oscar Musinowski), wahrhaft kein Frauentyp, aber gut gebaut, der sich beim Kantine-Aufräumen unbeobachtet glaubt, selbstvergessen in bester Stripper-Manier am Fachwerkbalken räkelt – und vor Schreck glatt über die eigenen Füße fällt, als er sich plötzlich im Fadenkreuz des weiblichen Interesses wiederfindet. Männermordend? Iwo. Nur einfach ganz unkomplizierter Sex, den auch Romeo mit Julia wieder hat, nachdem sie erst vor zornesrotem Bühnenhintergrund einen standesgemäßen Tobsuchtsanfall hingelegt und sich dann im innigen Duett „Words don’t come easy“ mit dem Liebsten wieder aushgesöhnt hat. Nein, es geht nicht nur um das Eine bei den „Drama Queens“, dem musikalischen Ableger von Abbas „Dancing Queen“. Obwohl auch die bewegte Schattenspiel-Szene zweier eindeutig verrenkter Paare, zu der eine weiße Kondom-Figur mit vollen Händen fröhlich Verhüterli von der Bühne ins Publikum schmeißt, so eindeutig ist, dass es die neue Regisseurin Eva – forsch-feministisch gespielt und wundervoll gesungen von Eva Verena Müller – vor Einsamkeit zum Heulen bringt: Ihre exzessive Version von Etta James’ „I’d rather go blind“, gegen die das Cover von Beyoncé wie stümperhafter Abklatsch wirkt, ist einer der Höhepunkte des Abends. Trösten darf sie sich mit keinem Geringeren als dem Dramaturgen selbst, fürsorglich-uneitel gespielt von Regisseur Andreas Beck, den sie als vollschlanke Amme oben ohne und mit zugepflasterten Brustwarzen in ein damenhaftes Cocktailkleid schnürt.

Und nachdem alle zwischenmenschlichen Kalamitäten zufriedenstellend beigelegt sind (Funny van Dannens „Räumliche Distanz“ dient hier sehr konkret der Illustration), darf der Ralle dann auch endlich die Premieren-Vorstellung ankündigen, bei der Mona Ulrich (Kostüme) und Stefanie Dellmann (Bühne) noch einmal aus dem Vollen schöpfen: Es ist eine Lust, die Shakespeare-Vorlage plötzlich als durchaus ernst zu nehmendes Gruft-Drama zu sehen, zu erleben, wie wandelbar die Charaktere dieser Inszenierung sind und wie souverän die Band. Auch dies eine der Stärken des Liederabends: dass er immer wieder neu zu überraschen weiß. Dieses Stück ist das pure Vergnügen.

Drama Queens am Theater Dortmund. 9.11., 13., 31.12.

Tel. 0231/ 50 27 222

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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