Andreas Baesler inszeniert Donizettis „Liebestrank“ an der Aalto-Oper Essen

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Nemorino (Andreas Hermann) putzt, Adina (Liana Aleksanyan) kokettiert: Szene aus der Essener Inszenierung von Donizettis „L‘elisir d‘amore“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ ESSEN–Das Abendessen: ein Apfel pro Gast, dazu ein Glas Wasser. Vorher wird Gymnastik getrieben und dabei schön bewusst geatmet – alles gehorcht dabei dem Kommando der Oberschwester. Karg, streng und gesund lebt man in diesem Sanatorium, in dem Regisseur Andreas Baesler Gaëtano Donizettis „Liebestrank“ verabreicht. Eine bekömmliche Produktion am Essener Aalto-Theater.

Vornehm-kränkliche Zauberberg-Atmosphäre also statt landwirtschaftlicher Plackerei unter baskischer Sonne. Adina ist hier keine reiche Pächterin, sondern die Besitzern eines Kurhotels, in dem Nemorino als Page angestellt ist. Er ist unglücklich verliebt in seine Chefin, und am Ende finden sie ja auch zusammen. Dank des Wunderdoktors Dulcamara und seines titelgebenden Elixiers, das in Wahrheit bloß eine halb ausgetrunkene Flasche Rotwein ist.

Die Luftveränderung schadet dem Zweiakter überhaupt nicht, auch wenn Baesler die schillernde Atmosphäre jener Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bloß zur Illustration benutzt. So lässt sich etwa der der Erfolg des Wunderdoktors Dulcamara, der mit seinen Wässerchen und Tinkturen vor allem seine eigenen Finanzen aufpäppelt, ganz wunderbar vom 18. ans Ende des 19. Jahrhundert versetzen, als parallel zum wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt auch der Obskurantismus blühte. Die Kostüme von Gabriele Heimann zitieren die lebensreformerische Mode der Jahre um 1900, als immer mehr Frauen das Korsett ablegten.

Bühnenbildner Harald Thor hat einen Anstaltsflur in freundlichen Farben streichen und zu beweglichen Halbkreisen zerlegen lassen. So kann die Bühnentechnik verschiedene Wellness-Abteilungen ansteuern. Los geht es in der weiß gekachelten Badestation, wo der Chor (bestens präpariert von Alexander Eberle) in Unterwäsche und barfuß beim Wassertreten zu beobachten ist. In diese Väter-der-Klamotte-Richtung zielen auch andere Ausstattungs-Pointen: Strumpfhalter und windelähnliche Unterhosen, Nachttöpfe und angeklebte lange Bärte.

Baelser gelingt trotzdem die Balance zwischen Buffo-Komik und Empfindsamkeit. Was vor allem am Dirigat Guillermo García Calvos liegt. Die Essener Philharmoniker befeuern nicht nur die Schmissigkeiten der „L‘elisir-d‘amore“-Partitur, sondern haben auch den Atem für Nemorinos anrührende Arie „Una furtiva lagrima“. Den Donizetti-Hit geht Andreas Hermann ein wenig schwerblütig an, doch insgesamt erfüllt sein schlanker Tenor das Profil des schüchternen, ernsthaften Jünglings. Liliana Alkesanyan strahlt als Adina mit einem schmeichelnd schönen Sopran, der zunächst mit kecken Koloraturen lockt und allmählich einen innigen Tonfall gewinnt.

Zwei erkrankte Solisten waren kurzfristig zu ersetzen: die Partien des aufschneiderischen Offiziers (Tommi Hakala) und des Wunderarztes Dulcamara: Roman Astakhov spielte, vom Bühnenrand aus sang Derrick Ballard. Dass die Tempi von Sänger und Orchester nicht immer übereinstimmten, war unter diesen Umständen zu entschuldigen.

8., 10., 16. Juli; 14.., 16., 21. September; 6., 14. Oktober;

Tel. 0201/8122200,

ww.aalto-musiktheater.de

Quelle: wa.de

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