Ian Anderson mit Jethro Tull in Hamm: Thick as a brick

+
Mit Querflöte: Ian Anderson (links) und Ryan O’Donnell in der Hammer Alfred-Fischer-Halle.

Von Werner Lauterbach ▪ HAMM–Die Hausmeister legten letzte Hand an die Bühnenausstattung. Ihre Kittel und Kappen flogen schnell zur Seite, als Ian Anderson mit Stimme und Akustikgitarre den Auftakt zu „Thick as a brick“ anstimmte.

Die Bühnenarbeiter mutierten zu John O’Hara (Keyboards), Florian Ophale (Gitarre), David Goodier (Bass) und Scott Hammond (Schlagzeug). Die aktuelle „Jethro-Tull“-Besetzung brachte nach 40 Jahren das 1972er Konzeptalbum in die Alfred-Fischer-Halle, und über 1300 Musikfreunde sorgten für den stimmigen Jubiläums-Rahmen. Sänger/Schauspieler Ryan O’Donnell übernahm Andersons Sängerrolle, wenn dieser seine Querflöte spielte und auch ein paar weitere Parts. Die Klangfärbung seiner Stimme ähnelte der des „jungen“ Frontmannes, der augenscheinlich kein Problem damit hatte, dass sein neuer Partner über vokale Qualitäten verfügt, die er selbst zu besten Zeiten nicht erreichte.

„Dumm wie Bohnenstroh“: Musik und Text des wie eine englische Provinzzeitung verpackten Originalalbums faszinierten auch nach vier Dekaden – und nicht nur, weil die meisten Fans in Andersons Alter oder etwas jünger waren. O’Donnells darstellerische Präsenz im Verbund mit hinter die Band projizierten Bildsequenzen lieferte neben den spöttisch-bissigen Textinhalten den Roten Faden des seinerzeit beispiellosen Albumkonzepts. In Suitenform arrangiert, ergaben die stilistisch divergierenden Sequenzen ein bombastisches Ganzes, das schlicht und einfach nur in dieser Komplettversion wirklich funktioniert. Die komplexe Klangmelange erforderte intensives Hören, um sich die „Thick as a brick“-Magie zu erschließen – auskopplungsfähiges Hitmaterial war damals wie heute nicht Sinn der Sache.

Der zweite Konzertteil legte die thematische Weiterentwicklung der Lebensgeschichte des fiktiven, kindlichen Textverfassers Gerald Bostock nach. Die Präsentation der erst kürzlich veröffentlichten Fortsetzung „Thick as a brick 2“ erfolgte zeitgemäß: Der news blog auf der projizierten Rechneroberfläche hatte die Zeitungspapier-Funktion übernommen. Das wieder als Suite arrangierte musikalische Material fügte sich vollkommen nahtlos an. Was war aus dem frühreifen Schulkind Gerald Bostock geworden? Andersons Reflexion zeigte etliche Möglichkeiten auf: Banker, Obdachloser, Soldat oder Prediger. Hat die unerschöpfliche Vielzahl der Möglichkeiten an Wendepunkten des Lebens einen zentralen Punkt – gibt es ein Karma? Die Publikumsvielfalt im Hier und Jetzt schien wie eine Verstärkung der Schicksalsfrage des Songschreibers Ian Anderson, der „Jethro Tull“ repräsentiert – die anderen waren und sind immer austauschbar.

Wer mit Nostalgie-Erwartung in die Fischer-Halle kam, erlebte jedoch ein enttäuschendes Finale. Der einst gern als Hybrid von Rumpelstilzchen und Rattenfänger von Hameln klassifizierte Anderson gab den Hits wie „Locomotive breath“  als Zugabe erwartenden Fans einen Korb: Mit dem Ins-Publikum-Schubsen eines riesigen Luftballon-Spiel-Balles ging alles zu Ende. Es war allerdings auch alles gesagt, was er mit „Thick as a brick“ vermitteln wollte.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare