„Amerika“ nach Kafkas Fragment am Schauspielhaus Bochum

+
In der Welt des Pop: Szene aus „Amerika“ nach Kafka in Bochum mit Werner Strenger, Dimitrij Schaad und Roland Riebeling (von links). ▪

Von Anke Schwarze ▪ BOCHUM–In einer trostlosen Wüste ist Karl Roßmann der taumelnde Mittelpunkt eines Kreisels amerikanischer Typen – des Santa Claus, eines Football-Spielers, eines Show-Girls und eines Transvestiten aus Las Vegas‘ Glitzerwelt. Auf dem Höhepunkt des traumatischen Reigens kippt das Wüstenbild und begräbt Roßmann unter sich. Der amerikanische Traum ist für ihn zum Alptraum geworden. „Es ist das größte Theater der Welt“ – diese Erkenntnis bleibt dem hysterisch lachenden Roßmann am Ende einer absurden Odyssee durch die Neue Welt.

Jan Klatas Inszenierung nach Franz Kafkas Romanfragment „Amerika“ zerreibt die Vision des „American Dream“ zwischen scharfem Realismus und bizarren Anspielungen. Auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses entfaltet er ein überdimensionales Pop-Up-Buch. Ein Bühnenbild nach dem anderen kippt nach vorne um, jedes Mal einen Windstoß durch den Zuschauerraum fegend. Karl Roßmann fällt durch Lücken in den Bühnenwänden von einer Szene in die nächste, vom coolen Penthouse-Apartment in ein gemütliches Landhaus, von der Route 66 in ein pseudo-ägyptisches Las-Vegas-Hotel. Bei den Anspielungen auf amerikanische Kultur und Kommerz reizt Klata genüsslich jedes Klischee aus, das in Deutschland rezipiert wird. Ein Geschäftsmann begegnet Roßmann als Weihnachtsmann. In der Wüste steht der Clown einer Fast-Food-Kette. Die Sterne und Streifen der Flagge grüßen vom Baseballschläger.

Nichts besitzt Tiefe in dieser Welt – Klavier, Tische und Sofas sind zweidimensionale Riesenbilder, die sich aufklappen lassen. Der biedere Deutsche Karl Roßmann durchlebt Stationen dieser Unwirklichkeit, um zu sich selbst zu finden. Stattdessen wird sein naives Ich in der oberflächlichen Schnelllebigkeit demontiert, bis er verloren dem Weltall gegenüber steht. Was Roßmann durchmacht, beschreibt die Bochumer Inszenierung mit einer gelungenen Mischung aus Parodie, Klamauk, Brutalität und Tragik. Immer nach Vorbildern der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Dem Slapstick der Stummfilmzeit abgeschaut ist die Verfolgungsjagd von Roßmann und einem Polizisten – um, durch und über einen Caravan. Die überdrehte Gestik und Mimik der als Pharaonen verkleideten Hotelangestellten sind einer Sitcom entsprungen. Während Roßmann von einem Tramp drangsaliert wird, amüsiert ein zweiter Tramp mit seiner Pantomime, eine lange Käsefäden ziehende Pizza zu essen. Die Boshaftigkeit, die Roßmann aufreibt, wird in Bochum nicht brutal vorgeführt. Schläge und Vergewaltigungen werden nur angedeutet. Deutlicher ist die psychische Gewalt, die er in Intrigen und Ausgrenzung erfährt.

Dimitrij Schaad spielt die Hauptrolle herausragend. Sein adrett gekleideter Roßmann bleibt ein naiver Fremdkörper in „Amerika“. Mit aufgerissenen Kinderaugen begegnet er der Neuen Welt, angestrengt bemüht, sich durch Imitation zu integrieren. Wenn Schaad die abgehackten altägyptischen Gesten verkleideter Angestellten im Pharaonen-Hotel nachahmt, ist das in seiner kalkulierten Unbeholfenheit gekonnt. Echt wirkt seine Verzweiflung, als ihm die Tramps seinen kostbarsten Besitz stehlen, das Foto seiner Eltern. Gesellschaftlicher Macht ist er als Sex-Objekt ausgeliefert. Verständnislos nimmt Roßmann das hin, versucht auszuweichen, statt sich zu wehren. Zerschlagen liegt er zum Schluss am Boden, nicht begreifend, was mit ihm geschehen ist.

Die übrigen Schauspieler, meist in Doppelrollen, stehen Schaad in nichts nach. Selbst im überdrehtesten Diskanz fehlen ihnen nicht die sadistischen Nuancen, die hohlsten Phrasen werden mit der Überzeugung des Wiederholungstäters vorgebracht. Ihre akrobatische Choreografie wirkt mühelos, so dass der Inszenierung nur ein Manko bleibt: Sie erschöpft sich in ihren opulenten Bildern und skurrilen Anspielungen.

4., 20. Mai.; 1., 18., 25. Juni

Tel.: 0234 / 33 33 55 55; www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare