Vom Amazonas: Kultur der Yanomami im Museum Folkwang: „Lothar Baumgarten. Abend der Zeit – Señores Naturales“

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Armschmuck der Yanomami (1979, Federn), zu sehen in Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN-Im Amazonasgebiet zwischen Venezuela und Brasilien leben die Yanomami. Sie wohnen in Rundsiedlungen (shabono), gehen mit Pfeil und Bogen auf Jagd, sammeln und bauen an.

Sie schmücken sich mit Federn, feiern schamanische Rituale und pflegen die Freundschaft zu benachbarten Stämmen. Ihre Kultur ist im Museum Folkwang zu erleben, weil das Haus nicht nur Gemälde, Fotografien, Skulpturen und Videokunst ausstellt, sondern sich auch außereuropäischen Kulturen verpflichtet fühlt. Karl Ernst Osthaus (1874–1921), Gründer der Folkwang-Sammlung, stellte bereits 1912 moderne Kunst neben „Stammeskunst“, um Weltkultur sichtbar zu machen. Dieser Tradition kommt das Haus in Essen mit der Präsentation „Lothar Baumgarten. Abend der Zeit – Señores Naturales“ nach.

Lothar Baumgarten lebte 1978/79 rund 18 Monate lang mit zwei Yanomami-Gesellschaften. Den Künstler interessierte zu Beginn seiner Arbeit, wie Europäer mit anderen Kulturen umgehen. Die Installation „Fragmento Brasil/Vom Ursprung der Tischsitten“ erzählt noch ein wenig davon, indem Tellergedecke mit Federn kombiniert werden – auch in Essen zu sehen. Die Schau „Abend der Zeit – Señores Naturales“ dokumentiert eine Weiterentwicklung, indem Baumgarten die Belege einer Lokalkultur Südamerikas an sich nimmt und mit Hilfe von Filmen und Fotos dokumentiert. Zusammen mit dem Architekten Lorenzo Piqueras hat er im Kabinett des Museum Folkwang einen Raum-Parcours gestaltet, der die Kultur der Yanomami tatsächlich spürbar macht. Das überrascht wirklich, weil dem Kunstmuseum ein exotischer Ausflug gelingt, auf dem einem die fremde Kultur in ihrer Besonderheit vorgestellt wird.

Die Kabinetträume in Essen fühlen sich wirklich nach Urwald an, so eindrücklich erzeugen die akustischen Geräusche diese Illusion. Zu sehen gibt es Jagdspitzen aus Bambus, die farbig verziert sind; über zwei Meter lange Pfeile, die mit nur zwei Richtfedern versehen sind. Unter dem Titel „Die Farbe der Vögel“ finden sich wundervolle Federn, zu Ohr- und Armschmuck verknüpft. Unter „Sinnliche Welt der Körper“ werden Fotos von rituellen Tänzen ausgestellt. Auch das Alltagsleben wird mit Reusen, Kalebassen, Körben, Schalen, Schnupfrohren und Hängematten sichtbar.

Die Objektsammlung Baumgarten/Sugai, die im Besitz des Museums ist, bietet 1131 Stücke. Neben den Ethnografica gibt es 503 Zeichnungen, die Yanomami erstmals auf Papier angefertigt haben. Außerdem Tondokumente und Filmmaterial, das die Yanomami bei typischen Handlungen zeigt. Wie wird das Dach der Rundsiedlung gedeckt, wie überquert eine Familie einen Fluss? Die Aufnahmen beeindrucken, weil die Yanomami sich ruhig und bedächtig bewegen. Sie scheinen ganz bei sich zu sein, wissen, was zu tun ist, lassen sich nicht ablenken. Dieses gewissenhafte Handeln, dieses Selbstverständnis – inmitten einer für Europäer unübersichtlichen Natur – vermittelt sich mit der Aura der Ausstellung. Das Museum schafft eine Erfahrung, die nachwirkt.

Bis 27. Mai; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr;

Tel. 0201 / 8845 444;

http://www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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