Althistoriker Werner Dahlheim schreibt über die „Welt zur Zeit Jesu“ im C.H. Beck Verlag

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Werner Dahlheim

Von Jörn Funke - Über Pontius Pilatus ist nicht sonderlich viel bekannt. Sein Vorname ist nicht überliefert, Geburts- und Todesdatum stehen nicht fest. Doch im Jahr 30 war er Präfekt der römischen Provinz Judäa, sprach das Todesurteil über Jesus Christus und wusch anschließend seine Hände in Unschuld. Damit wurde Pilatus zu einer der bekanntesten Personen der Weltgeschichte; schließlich entstand praktisch unter seiner Aufsicht eine Weltreligion.

Der Berliner Althistoriker Werner Dahlheim erklärt den Aufstieg des Christentums vor dem Hintergrund der Verhältnisse im römischen Weltreich; „Die Welt zur Zeit Jesu“ heißt sein Buch.

Dahlheims Fragestellung mutet simpel an: Wie konnte ein Wanderprediger, der in einer ebenso abgelegenen wie aufsässigen Provinz über die Dörfer zog, zum Stifter einer global erfolgreichen Religion werden? Der Historiker beschreibt eine weitgehend geordnete Welt, zusammengehalten durch Roms Gesetze und Legionen, inspiriert von griechischer Kultur und durchsetzt mit prosperierenden Städten. Im östlichen Mittelmeer war Rom damals noch eine neue Macht; im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stand die Provinz Syrien, die an das rivalisierende Parther-Reich grenzte. Judäa, das aufsässige Bindeglied zwischen Syrien und Ägypten, wurde zunächst von Antiochia aus regiert, nicht zuletzt mit Hilfe der örtlichen Priesterschaft und eines Königs namens Herodes, der von 37 bis 4 v. Chr. regierte.

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt sich schäzen ließe“, heißt es im Lukas-Evangelium zur Geburt Jesu. Historisch gesehen falsch, meint Dahlheim. Für einen Zensus habe Rom niemanden „in seine Heimatstadt“ geschickt. Überdies gebe es da ein Datierungsproblem: Herodes sei 4 v. Chr. gestorben; der bei Lukas erwähnte Statthalter Quirinius habe sein Amt in Syrien aber erst 6 n. Chr. angetreten. Es handele sich um eine 90 Jahre später entstandene Erzählung von sakraler Feierlichkeit, schreibt Dahlheim, die am 1. Weihnachtstag am hellsten scheine. Dass der 25. Dezember als Geburtstag Christi gefeiert werde, sei einer Eintragung des Papstes aus dem Jahr 336 zu verdanken. Es handele sich um die Wintersonnenwende des julianischen Kalenders, an der die Römer seit 274 das Fest des unbesiegten Sonnengottes feierten. Ein heidnisches Volksfest verband sich mit einer jüdischen Weissagung über die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit – Kaiser Konstantin, der erst an den Sonnengott und dann an Christus glaubte, genehmigte die christlichen Feiern an jenem Tag.

Dahlheim schreibt mit Liebe zum Detail, verliert in seiner Beschreibung der antiken Welt aber nie den Überblick. Römische Politik und römischer Alltag nehmen dabei breiten Raum ein – 2010 hatte Dahlheim eine Augustus-Biographie vorgelegt. Die im ländlichen Judäa entstandene Lehre Jesu wurde von seinen Anhängern in den Städten des Reiches verbreitet – oft in erbitterten Auseinandersetzungen mit den jüdischen Gemeinden. Das Christentum bot mit der Hoffnung auf Erlösung und Vergebung der Schuld ein Gleichheitsversprechen, passte sich aber auch den herrschenden sozialen und politischen Verhältnissen an. Die entstehende Amtskirche schuf autoritäre Strukturen, die den Bewohnern des römischen Reiches wohlvertraut waren – und heute merkwürdig anmuten.

Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu. C. H. Beck: München 2013. 492 Seiten. 26,95 Euro.

Quelle: wa.de

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