Die Alte Pinakothek München zeigt die Stadtansichten von Bernardo Bellotto

Mit allen Finessen von Licht und Perspektive gemalt: Bernardo Bellottos Bild „Die Piazzetta di San Marco, Venedig“ (um 1742) ist in München zu sehen. - Fotos: Pinakothek

Von Matthias Kampmann München - Eine Kutsche rauscht heran. Der Betrachter erblickt sie aus dem Fenster des „Jüdenhofes“. Der Blick schweift über den Dresdner Neumarkt. Im Hintergrund sieht man die erst vor sechs Jahren, 1743, vollendete Frauenkirche.

Der Platz scheint groß und weit zu sein. Der Sechsspänner legt sich arg in die Kurve. Der Passagier muss ein besonderer Herr sein. Ist es die Fliehkraft, die ihn beinahe hinaus purzeln lässt? Das ist nicht zu entscheiden, sieht allerdings verhalten komisch aus. Es ist der Auftraggeber, der Große Kurfürst und König von Polen, August III. Ein gemalter Witz? Wohl kaum. Man fragt sich, wie das wohl im Jahr 1749/52, der Entstehungszeit des Gemäldes von Bernardo Bellotto, gewesen sein muss.

Das ist eine dieser wunderbaren kleinen Kunstgeschichten, die sich mit dem Werk dieses Venezianer Veduten- und Landschaftsmalers verbunden ist. In der Alten Pinakothek in München kann man weiteren Anekdoten aber vor allem Forschungen anhand einer Künstlerpersönlichkeit nachgehen, die zwar in jeder bedeutenderen Sammlung vertreten ist, aber in Deutschland wohl noch nie so ausführlich und in die Tiefe gehend dokumentiert wurde.

Man denkt bisweilen, dass Veduten, also gemalte Stadtansichten, lediglich Dokumente einer Topo- oder Geografie sind. Diese filigranen Bilder eines Antonio Canal oder Francesco Guardi, die jedes noch so kleine Fensterkreuz, jeden zerbrochenen Ziegel zeigen, entstanden zu einer Zeit, als es noch keine Fotografie gab. Natürlich sollte festgehalten werden, wie eine Stadt sich zeigte. Doch der Schein trügt. Das belegt diese fantastische Ausstellung mit gut 65 Gemälden, Radierungen und Zeichnungen. Vorhang also auf für Bernardo Bellotto, der – wie sein Onkel Antonio Canal – gleichfalls Canaletto genannt wird und von 1722 bis 1780 lebte.

Während des Siebenjährigen Kriegs war der Maler auf Empfehlung seiner Dresdner Gönnerin, der Kurfürstin Maria Antonia von Bayern und Gemahlin von August III., ein knappes Jahr in München. Zwar haben die Wissenschaftler in den Archiven nicht mehr allzuviel über seinen Aufenthalt herausgefunden, aber da sind ja die drei kapitalen Stücke, die im repräsentativen Kurfürstenzimmer der Residenz bis heute ihren Platz haben: Schloss Nymphenburg von der Stadt aus und von der Parkseite sowie der Blick auf München von Osten. Mit über zwei Metern Breite offenbaren sie höfisches Format. Die Bilder sind Aufträge von Max III. Joseph – und zwar genau für diesen Raum, ein Wartezimmer für Edelleute, die dort auf ihren Termin mit dem Herrscher warteten. Das ist ein typisches Signum der Malerei von Bellotto. Herrschende in kuriosen Situationen, Armut der Bevölkerung: eine neue malerische Ehrlichkeit, ebenso ehrlich wie die Exaktheit der Details, die zuvor nicht denkbar war.

Die Ausstellung lehrt über die gezielte, trefflich kalkulierte Künstlichkeit der Vedute zumeist mit absolut frisch anmutenden Exponaten. Den beiden Zeichnungen aus der Sammlung der britischen Queen etwa sieht man ihr Alter nicht an. Sie könnten gestern erst entstanden sein. Julia Thoma, die neben Theresa Wagner die Ausstellung wissenschaftlich mitbegleitet hat, berichtet: „Diese Arbeiten wurden bislang nur sehr selten gezeigt.“

Der Maler Bellotto hat sein Genre aufs Kunstvollste übersteigert. Malte er für die Fürsten noch Veduten, tobte er sich auch intellektuell im kleineren, bürgerlichen Format in der Landschaft und im Capriccio, der „Laune“, aus. Das ließ selbst Kurator Schumacher begeistert deklamieren: „Mit Blick auf die Landschaft ist Bellotto Avantgarde.“ Doch besonders seine Fantasiestücke sind Kern seines Schaffens und betreffen nicht erst die Zeit nach Dresden, bevor er spät noch einmal an den Warschauer Hof kam, der letzten Station seines bewegten Lebens. Wunderbar das kleine Kabinettstückchen aus dem Stadtmuseum von Asolo im Veneto, das eine Triumphbogenruine an der Lagune zeigt (1743). Bellotto war ein Kompositeur außerordentlichen Ranges. Er nutzte die Camera Obscura mit nonchalanter Selbstverständlichkeit und fügte hybride Perspektiven mit mehreren Fluchtpunkten zueinander, dass man den Eindruck einer wirklichen Welt bekam, obschon die Bildgegenstände in dieser Komposition die reine Fiktion sind. Plätze werden größer, Flüsse breiter. Mehr Licht fällt unnatürlich für den, der das Setting kennt.

Bernardo Bellotto war wohl eher den Lesern der Propyläen-Kunstgeschichte oder regelmäßigen Besuchern von Sammlungen Alter Meister ein Begriff. Das hat hoffentlich mit dieser großartigen Ausstellung, zu deren Gelingen so prominente Leihgeber wie das Kunsthistorische Museum Wien, die St. Petersburger Hermitage oder das Amsterdamer Rijksmuseum beigetragen haben, ein Ende. Der Künstler verdient mehr. Dass er an der Isar so prominent zu genießen ist, gleicht einem großen Fest. Außerdem rückt der Maler mit seinem Metier in andere Gefilde auf. Kein sklavisch operierender Diener an der Wirklichkeit ist hier zu erleben, sondern einer an der Schönheit und Wahrheit – wobei letztere nichts mit Richtigkeit oder Treue dem Sichtbaren gegenüber zu tun hat.

Canaletto – Bernardo Bellotto malt Europa

in der Alten Pinakothek München. Bis 18.1.2015,

di, do 10 – 20, mi – so 10 – 18 Uhr, Tel. 089/ 23 805 216

www.pinakothek.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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