Alfred Brendel liest im Folkwang Museum

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Launiger Vorleser: Alfred Brendel in Essen. ▪

ESSEN ▪ Kennen Sie Harold Garfinkel? Nein? Sie sind ihm aber sicher, wenn auch in übertragenem Sinne, schon begegnet: immer dann, wenn jemand aus einer scheinbar normalen Situation heraus etwas Ungewöhnliches bis Groteskes tut. Garfinkeln nennt man nach dem Wissenschaftler ein Verhalten, das gewöhnlich geltende Regeln ohne Ankündigung aushebelt. Der Pianist im Ruhestand Alfred Brendel tut das in seinen Anekdoten und Gedichten. Sie öffnen skurrile Zwischenwelten, bevölkert von Geistern und Gedankenwesen, von Menschen mit den Allerweltsnamen Theo oder Eduard oder Meier, die auf seltsame Ideen kommen: was wäre, wenn... Von Edda Breski

Aus seinem Buch „Spiegelbild und schwarzer Spuk“ las der 79-jährige Brendel im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr im Osthaus-Saal des Folkwang-Museums. Als Begleiter saß Steffen Schleiermacher am Flügel. Er spielte aus den „Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier“ (1946-48) von John Cage und bettete Brendels Lesung in eine Spiegelwelt klappernder, zischender, gongender und sirrender Töne ein. Ein Abend, dessen Reiz aus der Begegnung von Merkwürdigkeiten entstand.

Brendel hörte Schleiermacher aufmerksam zu, schaute eulenhaft ins Publikum und las mit der Andeutung eines Lächelns seine Geschichten: schrullige Miniaturen, liebevoll gestaltete Absurditäten, Gedankenspiele mit Hintersinn. Eines fängt so an: „Das Bedürfnis, mich selbst zu heiraten, ergriff mich, als Otto und seine Frau während eines Sinfoniekonzerts aufeinander einzuschlagen begannen.“ Daraus entwickelt sich die Schilderung einer Beziehung zu sich selbst, mit allen Unmöglichkeiten. Ein Stück Selbsterfahrungs-Philosophie. Man merkt Brendel auch die Beschäftigung mit dem Dadaismus an – in manchen Geschichten steht unvermittelt ein Schaf oder ähnlich Unerwartetes herum. Scharen von Engeln mit Krallenhänden und sardischen Teufeln tummeln sich in seinen Zeilen.

Einen Schatz von Einfällen hat er aus seiner jahrzehntelangen Pianistenkarriere gewonnen. Da verliert einer den Kopf – macht nichts, „Klavier spielen kann man bekanntlich auch kopflos“. Kleine Seitenhiebe auf Kritiker, Publikum und Interpreten mit Hang zur Superperformance. Altväterlich wirkt Brendel oft in seiner Diktion, ein wenig schnurrig und wunderlich in seinen Einfällen. Recht formell kommen einige Wendungen daher. Und dann fallen ihm leise, poetische Bilder ein, wie das von zwei Liebenden, zwischen denen „ein Phantom, ein machtloser Puppenspieler“, sitzt.

Für die „Sonatas and Interludes“ braucht es einen Flügel, den Schleiermacher über mehr als zwei Stunden vor dem Konzert vorbereitet hatte. Zwischen den Saiten steckten Schrauben verschiedener Legierung, Gummis und Filz. Wer im Anschluss an das Konzert einen Blick in den präparierten Steinway B warf, entdeckte auch, was zwischendurch so tamburinartig geklungen hatte: Unterlegscheiben für Schrauben klirrten gegen Saiten. Schleiermacher betonte den fremdartigen Charakter, die Verankerung der Stücke in Cages Studien altindischer Philosophie. Die Sonaten klangen wie asiatische Tempelmusik, wie dumpfe kleine Glockenspiele, wie dunkle Räume voll dunkelgoldener Schätze, durch die kleine Mandarine huschen. Garfinkel lässt grüßen.ORTSMARKE ▪

Quelle: wa.de

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