Alexander Kluges Ausstellung „Pluriversum“ im Essener Museum Folkwang

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Ein Bilderrausch: Alexander Kluges Videoinstallation „Pluriversum der Bilder“ im Museum Folkwang Essen.

ESSEN - Das Pluriversum der Bilder taucht den Besucher in einen visuellen Ozean. Multitasking aller Sinne ist gefordert. Alexander Kluge hat diesen Raum mit Großprojektionen an allen vier Wänden und unter der Decke geschaffen. Es konzentriert die Gleichzeitigkeit und Unübersichtlichkeit der Welt in einem überwältigenden Raum.

Man sieht Bilder vom Konzert in der Elbphilharmonie beim G-20-Gipfel in Hamburg, Merkel und Trump, und daneben ein Boot auf dem Mittelmeer, gestopft voll mit Flüchtlingen. Man sieht Buckelwale, die Fußpflege bei einem Zirkuselefanten, einen Stacheldrahtzaun, eine ekstatische Tänzerin aus einem Stummfilm. Das ist natürlich auch ein politischer Kommentar: Kluge hält es für einen Skandal, dass auf dem Gipfel Afrika nicht vertreten war. Nun sieht man auf einem Bild, was in der Staatsinszenierung fehlt. Es ist Aufklärung durch Bilder.

Alexander Kluge hat im Essener Museum Folkwang seine erste große Museumsausstellung gestaltet. Sechs Räume bieten keine Dokumentation der vielfältigen Aktivitäten des Autors und Filmemachers, sondern sind eine eigenständige Inszenierung. Kluge erläuterte gestern, dass die Kuratorin Anna Fricke ihm klar gemacht habe, dass man Filme nicht ausstellen könne. Kein Mensch bleibe 45 Minuten lang stehen, um einen gefilmten Dialog anzuschauen. Zwar flimmert es reichlich in der Schau, weil in mehreren Räumen Filme in Dauerschleife laufen – die meisten davon eigens für die Schau erstellt. Aber Kluge und die Kuratorin Anna Fricke kalkulieren ein, dass der Besucher sich durch die Räume bewegt und dabei so etwas wie eine persönliche Montage aus den flüchtigen Eindrücken erschafft.

Alexander Kluge feierte im Februar seinen 85. Geburtstag. Er gehört zu den prägenden Intellektuellen der Bundesrepublik. Er formulierte mit Kollegen das Oberhausener Manifest des jungen deutschen Kinos, er las bei der Gruppe 47, er schrieb mit dem Soziologen Oskar Negt das Bücher wie „Öffentlichkeit und Erfahrung“, die Theorie der Frankfurter Schule fortschreibend. Subversiv nutzte er ab 1988 die Fensterprogramme bei den privaten Fernsehsendern für überaus intellektuelle Nachtprogramme. Seine langen Gespräche mit Intellektuellen wie dem Kunstwissenschaftletr Hans Belting, aber auch mit Akteuren wie Hannelore Hoger und Helge Schneider in manchmal skurrilen Rollen sind legendär.

Die Figur der Arachne ist ein Lieblingsmotiv in Kluges „Sternenkarte der Begriffe“. Die Heldin aus Ovids Erzählung hielt die Weltgeschichte im Gewebe der Kleider fest, die sie schuf. Die eifersüchtige Göttin Athene verwandelte sie in eine Spinne. Das Netz verbindet auch die Objekte, Filme, Erzählungen der Schau immer wieder mit ungewöhnlichen Querfäden. Für Kluge war zum Beispiel prägend, dass er 1945 als Kind die Bombardierung seiner Heimatstadt erlebte. So liegt in einem Ausstellungsraum eine entschärfte Weltkriegsbombe. Eine Montage aus historischen Filmfragmenten erzählt die tragische Geschichte eines deutschen Soldaten in Stalingrad. In einem anderen Raum geht es um die Bombardierung des Dresdner Zoos.

An mehreren Stellen sind Radierungen von Paul Klee zu sehen, eine, „Stachel, der Clown“ (1931) ist eine Leihgabe Kluges. Von hier schlägt er eine Brücke zu Walter Benjamin, der über eine andere Grafik Klees, den „Angelus Novus“, mehrere Essays schrieb, über den Engel der Geschichte. Immer wieder greift Kluge auch auf die Grimmschen Märchen zurück. Nicht nur, dass er ihre Stoffe neu ausdeutet, er identifiziert sich auch mit der Sammelarbeit der Brüder. An anderer Stelle spürt er Leben und Werk des großen Regisseurs Fritz Lang nach. Und eine großformatige Aufnahme des Fotografen Thomas Demand von einem Hinterhof mit Kirschblüten korrespondiert mit einem Film über den Terror: Demands Bild entstand am Wohnort von einem der Attentätern beim Bostoner Marathon.

So gibt es in der Schau eben keinen roten Faden, aber ein feines, dichtes Netz aus Bezügen, denen der Betrachter nachspüren kann. Kluge will mit seiner Materialfülle eine Flaschenpost für kommende Generationen absenden, die damit vielleicht neue Erzählungen schaffen.

Bis 7.1.2018, di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr,

Tel. 0201 / 88 45 000,

wwwmuseum-folkwang.de,

Katalog, Spector Books, Leipzig, 24 Euro

Quelle: wa.de

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