Alexander Demandt fragt nach Roms Untergang

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Alexander Demandt

Von Jörn Funke - Die Spätantike hat nicht den besten Ruf. Die Epoche steht für Niedergang und Verfall, für den Untergang des Römischen Reiches und der antiken Kultur. Warum das Imperium zugrunde ging, darüber streiten Gelehrte seit jenen Zeiten. Der Berliner Althistoriker Alexander Demandt hat Stimmen zum Verfall Roms aus zwei Jahrtausenden gesammelt und ausgewertet.

Aus den verschiedenen Geschichtsdeutungen spricht dabei nicht zuletzt das Selbstverständnis der Zeitgenossen.

Demandt hatte seine Arbeit bereits vor 30 Jahren veröffentlicht. Nach seiner Emeritierung an der Freien Universität fand er die Zeit, seine Ergebnisse einer Überprüfung zu unterziehen und zu aktualisieren. 210 Faktoren für den Fall Roms hat er gefunden, von Aberglauben bis Zweifrontenkrieg. Sechs Haupterklärungsmuster macht der Althistoriker dabei durch die Jahrhunderte aus: das Aufkommen des Christentums, den Gegensatz zwischen Arm und Reich, Bodenerschöpfung und Umweltzerstörung, staatliche Repression und horrende Steuern, die Angriffe der Germanen oder schlicht das Ende eines kulturellen Lebenszyklus‘.

Die Liste jener, die sich zum Untergang Roms äußerten, ist lang. Sie reicht vom mittelalterlichen Chronisten Otto von Freising bis zum italienischen Diktator Benito Mussolini, vom Sozialisten Friedrich Engels bis zum Soziologen Max Weber. Epochal, darin waren sich Gelehrte aller Epochen einig, war der Falls Roms durchaus. Demandt spricht von einem „historischen Schlüsselfall“: Der am weitesten entwickelte Staat der damaligen Welt fällt innerhalb von zwei bis drei Jahrhunderten zusammen. Der Lebensstandard, den die Römer genossen, wird in Europa erst wieder Ende des 19. Jahrhunderts erreicht. Nach den Römern kommt schlichtweg das „dunkle Mittelalter“.

Ablauf und Ursachen des römischen Untergangs sind dagegen alles andere als klar. Das beginnt schon mit der Datierung der Verfallszeit. Die Herrschaft Diocletians (284-305) gilt vielen Historikern als historischer Wendepunkt. Diocletian markiert den Übergang vom Principat zum Dominat, einer absoluten Form des Kaisertums. Dabei gilt Diocletian nach einer ganzen Reihe erfolgloser Kaiser als erfolgreicher Sanierer des Imperiums. Phasen der Konsolidierung, kommentiert Demandt, stehen nicht selten am Beginn von Verfallszeiten.

Auch die Herrschaft des ersten christlichen Kaisers Konstantins (306-337), der die Residenz von Rom nach Byzanz verlegte, stellt für zahlreiche Historiker den Beginn des römischen Verfalls dar. Andere Deutungen gehen bis weit in die Kaiserzeit zurück oder noch davor: Für Max Weber läutete die Schlacht im Teutoburger Wald 9 n. Chr. das Ende Roms ein, für seinen Zeitgenossen Emil Hammacher begann der Niedergang der gesamten Antike bereits mit Platon.

Das Ende des römischen Untergangs ist dagegen mit der Abdankung des letzten Kaisers Romulus Augustulus 476 vermeintlich einfach festzulegen. Doch ist Rom überhaut untergegangen? Die Menschen der Spätantike hätten widersprochen, wendet Demandt ein: Byzanz führte das Römische Reich fort, wurde in der arabischen Literatur sogar zu „Rom“. Die Frage, ob es sich bei der Auflösung des weströmischen Reichs um einen Kulturbruch oder schlicht um einen geschichtlichen Wandlungsprozess handelt, ist gerade in den vergangenen zehn Jahren intensiv diskutiert worden.

Das mittelalterliche Westeuropa sah die Tradition des Kaisertums im Heiligen römischen Reich deutscher Nation weiterleben, italienische Humanisten sehnten sich nach römischer Größe zurück, ihre deutschen Zeitgenossen feierten die germanischen Siege über das Imperium. Deutungen, die sich bis heute halten, entstanden in der Aufklärung, als die Ruinen des Forum Romanum und des Kolosseums zur Reiseprogramm nordeuropäischer Bildungsbürger gehörten. Zum geistigen Reisegepäck gehörte ein literarisches Monument, Edward Gibbons’ ab 1776 erschienene „Geschichte vom Verfall und Niedergang des römischen Reiches“.

Gibbons, das macht Demandt klar, hat das bis heute einflussreichste Werk zum Thema verfasst, dessen Lektüre nach wie vor lohnt. Christentum und Dekadenz sind seine Schlüssel zum Untergang des Imperiums – die Römer beschäftigten sich mit sich selbst, diskutierten eher Glaubens- als Sicherheitsfragen.

Vergleiche mit späteren Weltreichen sind deshalb immer wieder gezogen worden, so Demandt, vor allem mit dem Britischen Empire und den Vereinigten Staaten. Gibbons erlag der Versuchung, solche Analogien aufzustellen, nicht. Potenzielle Bedrohungen Europas könnten nur aus dem Osten kommen, stellte er fest. Und fand dort nur zivilisierte Völker.

Alexander Demandt: Der Fall Roms. Die Auflösung des römischen Reiches im Urteil der Nachwelt. Erweiterte und aktualisierte Neuauflage. Verlag C. H. Beck, München. 719 S., 68 Euro.

Quelle: wa.de

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