Das Albers Museum Bottrop zeigt Ian McKeever

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Gemaltes Licht-Gewebe: Ian McKeevers „Hartgrove Painting No 8“ (1994). ▪

BOTTROP ▪ Der erste Blick ist mit einem Hartgrove Painting von Ian McKeever schnell fertig. Einige helle, eigentlich weiße Linien horizontal, einige kreuzend vertikal. Leicht nimmt man es für selbstverständlich, dass man diese weißen Pinselstriche überhaupt sieht. Was daran liegt, dass darunter Dunkel herrscht. Erst wenn man sich zu wundern beginnt, erkennt man die Geheimnisse in diesem Bild.

Von Ralf Stiftel

Man tritt ein in die Tiefe der großen Tafel. Man bemerkt, dass Schichten übereinander liegen. Man beginnt, es wahrzunehmen wie ein Stück Natur, eine vergessene Höhle vielleicht, in Jahrzehnten zugewoben von vielen Spinnen. Man schaut nun das Licht, das McKeever in Farbe gerinnen ließ.

Die Begegnung mit der Kunst von Ian McKeever ermöglicht die Ausstellung „Hartgrove. Malerei und Fotografie“ im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop. Erstmals seit mehr als 20 Jahren überhaupt stellt ein deutsches Museum den englischen Maler vor. Dabei ist er in seiner Heimat prominent, wurde vor zwei Jahren in der Royal Academy London vorgestellt. Auch in Skandinavien schätzt man ihn. Eins der größten Bilder kommt als Leihgabe aus dem Louisiana Museum im dänischen Humlebaek.

In Bottrop ist er als wichtiger Vertreter der abstrakten Malerei zu sehen, eine Huldigung an Josef Albers, wie Museumsdirektor Heinz Liesbrock betont. Die Schau ist keine Retrospektive. Sie stellt aber mit drei Werkgruppen von Gemälden und einer Auswahl von Fotos das Schaffen McKeevers markant vor. Er sagt von sich: „Ich bin zuerst Maler, dann Künstler.“ Er wolle nicht irgendwie Bilder schaffen, sondern das ausdrücken, was nur mit malerischen Mitteln auszudrücken ist. Der Ausstellungstitel steht für seinen Wohnort im ländlichen Südwesten Englands. Die Bilder konnten nur hier entstehen, wo er ein größeres Atelier hatte. Er arbeitet in Serien, und er arbeitet lange an seinen Bildern, lässt sie oft wochenlang ruhen, bis er an ihnen weitermalt – oder sie für fertig erklärt.

Der 1946 geborene McKeever hat eigentlich Literatur studiert, ist als Maler Autodidakt. Er berichtet, dass er manchmal 20 Dosen von einer Farbe benutzt, jede in einer anderen Verdünnung. Wieder und wieder trägt er Farbe auf, lässt die Leinwand trocknen, macht weiter. So entsteht die Tiefe dieser Bilder. Manche Partien lassen die Leinwandstruktur erkennen.

Gern setzt er helle Schichten über dunkle. Dadurch entstehen gemalte Räume, ganz ohne Perspektive und illusionistische Effekte. Er bringt Licht hinein, verleiht den Gemälden Gegenwärtigkeit. Die großen Tafeln treten dem Betrachter wie Individuen gegenüber. Man steht vor ihnen wie vor einer Herausforderung.

McKeever bewundert vor allem frühe italienische Renaissance-Malerei, eine Epoche, so sagt er, in der das Licht noch in der Malerei war, ehe es langsam verschwand, bis zu den Nachtbildern eines Caravaggio, die nur eine Kerze erleuchtet. Erst mit den französischen Impressionisten sei das Licht zurückgekehrt, aber verweltlicht, ohne die Spiritualität der frühen Meister. Wen wundert da noch, wenn McKeever von seinen kleinen Bildern als Meditationen spricht?

Er fotografiert auch seit einigen Jahren, schwarz-weiß und analog, weil er es liebt, wie beim Entwickeln das Bild als ganzes aufscheint. Und nur in seinem Haus. Auch da spielen Licht und Schatten die Hauptrollen: Viele Aufnahmen sind kaum zu entschlüsseln, zeigen zum Beispiel einen Schatten, der durchs Fenster auf Möbel fällt. Eine vierteilige Tür ist einen Spalt geöffnet, die einfallende Sonne zeichnet eine Kreuzstruktur. Gestapelte Tassen in der Küche werden zu vagen Schemen.

Flüchtige Momente, sehr private Empfindungen bringen im Künstler Bilder hervor. Man findet Natur in ihnen, in einem weiteren Sinne, nicht abbildhaft, aber als mitschwingenden Klang. So kann man in den gemalten Geflechten der Hartgrove Paintings, die immer heller, immer materieloser werden, Gedankengewebe erkennen. Er versucht, Augenblicke zu bannen.

In der Mehrdeutigkeit von weltlichen Altartafeln, von sehr irdischen Erleuchtungen liegt die besondere Qualität von McKeevers Malerei. Er schaffe Momente von Licht und Schatten, sagt er. Ein Höhepunkt der Ausstellung ist das Ensemble aus zehn Tafeln der Serie „Twelve-Standing“ (2009–11) im zentralen Oberlichtsaal. Jede ist 2,70 Meter hoch, 1,90 Meter breit. Größe sagt hier etwas. Jedes Bild überfordert den Blick des Betrachters, verlangt ihm Wege und Verweilen ab. Dabei hat jede Tafel eine Struktur, eine definierte Mitte, eine Art von Symmetrie und eine vertikale Ausrichtung. Mal hat man die Spannung zwischen einem eher wolkigen Zentrum und eher zeichnerischen Randpartien. Zwei Tafeln wirken durch den Einsatz von kräftigem Rot. Andere spielen mit Schattierungen von Schwarz, das mal stumpf, mal glänzend aufgetragen ist, was den Eindruck verschiedener Farben erzeugt.

Ian McKeever – Hartgrove. Malerei und Fotografie im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop. Bis 2.9., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr.

Tel. 02041/ 29 716, http://www.quadrat -bottrop.de

Katalog in Vorbereitung

Quelle: wa.de

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