Alanis Morissette spielt in Düsseldorf viele alte Hits

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Die Songs haben ihre Frische bewahrt: Alanis Morissette ▪

Von Jörn Funke ▪ DÜSSELDORF–Ist es schlimm, eine Künstlerin auf ein Werk zu reduzieren? 1995 veröffentlichte Alanis Morissette das Album „Jagged Little Pill“, verkaufte davon weltweit 33 Millionen Stück und machte den Indierock damit salonfähig. Es folgten ein halbes Dutzend Alben von nicht minderer Qualität, aber „Jagged Little Pill“ überstrahlt bis heute alles – auch bei der „Guardian-Angel-Tour“, mit der die Sängerin am Montag in Düsseldorf gastierte.

„Guardian“ ist einer der Songs aus dem aktuellen Album „Havoc And Bright Lights“. Ein solides Werk, das ebenso gefällig wie überraschungsarm daherkommt. Das Publikumsinteresse am Auftritt der 38-jährigen Frankokanadierin ist vielleicht deshalb überschaubar; gerade einmal 2200 Menschen kommen in die viel größere Mitsubishi-Electric-Halle im Düsseldorfer Süden. Die leeren Seitentribünen sind mit Vorhängen abgeteilt, der Saal komplett bestuhlt.

Der Stimmung tut das erstmal keinen Abbruch; es gibt warmen Applaus, als Morissette nach zwei Vorgruppen mit ihrer Show beginnt; zwei Stunden sind da bereits vergangen. Zu sehen ist sie zunächst nicht: Sie singt ihr Intro hinter der Bühne, um dann umso vehementer nach vorne zu stürmen. Überhaupt zeigt die Sängerin während der nächsten eindreiviertel Stunden einen bemerkenswerten Bewegungsdrang. Sie rennt von einem Ende der Bühne zum anderen und wieder zurück, ihr Blick geht merkwürdig am Publikum vorbei. Es gibt das obligatorische „Hallo Dusseldorf“, die sechsköpfige Band sorgt für den vertrauten, leicht scheppernden Gitarren-Sound und Morissette schüttelt ihr imposantes Haar.

Die Hits aus „Jagged Little Pill“, der „gezackten kleinen Pille“, kommen früh, und sie kommen massiv. „All I Really Want“, „You Learn“ und „Mary Jane“ spielt Morissette hintereinander weg, bis zum Schluss wird sie fast das gesamte Erfolgsalbum präsentiert haben – aus dem aktuellen Werk gibt es nichtmal die Hälfte. Der Indierock der 90er Jahre wird zur Nostalgienummer.

Doch tatsächlich, die Songs klingen noch so gut wie vor 17 Jahren: Morissette stimmt „Ironic“ an, eine Reflexion über kleine und große Lebenskatastophen, und das textsichere Publikum singt beseelt mit. Um die Freifahrt, für die man eigentlich schon bezahlt hat, geht es da, um die Begnadigung für den Todeskandidaten, die zwei Minuten zu spät kommt, und um das Treffen mit dem Traummann, der seine bildhübsche Frau dabei hat. Die Sängerin macht daraus einen bildhübschen Ehemann und freut sich sichtlich über den kleinen Spaß.

Danach gibt Morissette eine bedingungslose Liebeserklärung ab („Head Over Feet“) und lässt einer Rachephantasie am Ex-Freund freien Lauf („You Oughta Know“). Die schonungslos ausgebreitete Seelenschau, das Themenspektrum von unsicheren Beschäftigungsverhältnissen über Sex in öffentlichen Gebäuden bis zum Hoffen auf die große Liebe waren das Erfolgsrezept für „Jagged Little Pill“, und es spricht für das Album, dass die Songs immer noch frisch klingen und ihren Reiz bewahrt haben.

Kurz vor Schluss lässt Morissette die Bühne umbauen und schwenkt vom elektrischen zum akustischen Set um. Jetzt schaut sie ins Publikum, die Menge strömt zur Bühne und lauscht, wie die Kanadierin mit „So Unsexy“ und „Everything“ Songs aus der jüngeren Vergangenheit aufgreift – kleine Beweise dafür, dass da eigentlich noch mehr als „Jagged Little Pill“ ist. Das gilt auch für den Schlusspunkt: Da greifen Band und Sängerin nochmal zu den elektrischen Instrumenten und sagen „Thank U“. Die universell gehaltene Dankadresse entstand im Anschluss an den Megaerfolg, der Morissettes Karriere immer noch bestimmt.

Quelle: wa.de

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