Alan Ayckbourns Komödie „Stromaufwärts“ in Bochum

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Schiff ahoi! Keith (Michael Schütz) am Steuerrad zeigt den Landratten Emma (Xenia Snagowski) und Geschäftspartner Alistair (Jürgen Hartmann), was beim Ablegen zu beachten ist. Szene aus „Stromaufwärts“ am Schauspielhaus Bochum.

BOCHUM - „Alles klar zum Ablegen!?“ Keith strahlt und schnaubt vor Erregung, er ist Kapitän und führt ein Motorboot, das den Fluss „Stromaufwärts“ tuckert. So nennt Alan Ayckbourn seine Komödie von 1981, die zwei Paare auf einem Ferientrip begleitet.

Von Achim Lettmann

Der englische Dramatiker, der 70 Stücke geschrieben hat, begnügt sich nicht, den Stellungskrieg der Eheleute zu belauschen, sondern hält über Keith’ Sekretärin Kontakt zur Firma, also zu einer zweiten Gesellschaftsform. Klar, dass am Schauspielhaus Bochum die Crew nicht durch England schippert, wenn Kühltürme, Schornsteine und Kläranlagen an der Emscher und dem Rhein-Herne-Kanal stehen.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer entfaltet den Konfliktstoff genüsslich. Wer die Kojen von Flussschiffen kennt, dem drückt sofort die Hüfte bei Emmas Anblick. Die junge Frau kauert sich in die Bugkajüte. Ihr Mann Alistair findet nur noch Platz auf ihrem Po. Xenia Snagowski und Jürgen Hartmann sind die Verklemmten an Bord. Dabei kann sie ihrer Figur weniger Witz abgewinnen als ihr Bühnenpartner. Jürgen Hartmann wird zum Hingucker des Abends, so elegisch spreizt er den Rückratlosen in jeder Krise.

Ob als Steuermann, der mit einem Ausflugsdampfer auf Kollisionskurs geht, oder als Keith’ Kompagnon, der jeder Debatte um Arbeiterrechte ausweicht. Hartmann wirkt trotz seiner Körpergröße körperlos, so geschmeidig windet sich das Weichei. Dagegen macht Veronika Nickl die June, Keith’ Anvertraute, zur trashigen Society-Lady. Sie trägt den Badeanzug mit Leoparden-Aufdruck wie eine Abendrobe. Veronika Nickl übertreibt bei ihrer Typenstudie nur soviel, dass der Fahrbetrieb nicht zum Erliegen kommt. Und für ihren Mann greift sie nachts zum Gleitmittel, um die „Fickratte“ zu bedienen. Michael Schütz spielt das Alphatier, das jede Irritation weggrinst, lacht, brüllt oder droht. Ein ruppiger Kanalkreuzer, machtbewusst und skrupellos.

Es wird ein Fiasko. Und daran lässt Regisseur Schmidt-Rahmer von Anbeginn keinen Zweifel. Unerotische Männer, frustrierte Frauen, Kleingeister und Größenwahn, diese Schubladen der Komödienliteratur werden in Bochum fasst liebevoll aufgezogen. Ayckbourns Existenzen tragen Theaterpatina und stehen am Schauspielhaus unter Artenschutz. Herrlich auch wie Thomas Goerge (Bühne) das Flussschiff als Gedankenraum mit Klebeband und tragbarem Steuerrad skizziert. Hockt die Crew anfangs in einer weiß markieren Kankiste, bringt ein neuer Skipper mit Che Guevara-Frisur frisches Bewusstsein, also viel Platz an Deck. Nun wird die ganze Bühne bespielt. Ein Freiraum, der auch das Zuschauen erleichtert.

Die Bochumer Inszenierung bietet trotz einiger Zoten und bisweilen mittelmäßigem Spiel doch feine Erfahrungen, weil sie so unaufwendig gelingen. Der Einsatz von Großbildvideo dagegen passt vielleicht zum ordinären Keith, der sich zu oft den Frosch aus dem Hals räuspert. Aber eine Inimität zwischen Emma und Alistair visualisiert die Technik nicht.

Als der junge Vince das Boot vom Grund freischleppt, missbraucht er bald seine Position als Retter und Frauenschwarm. Matthias Eberle bewegt ihn anfangs als jugendlichen Tagträumer, die autoritäre und brutale Seite von Vince gelingt ihm später nicht. Aber der Streit mit Alistair, der sich nicht kommandieren lassen will, ist ein Höhepunkt. Hartmann, der „alte Hase“ schert einfach aus und macht den Kollegen von der Schauspielschule (Vince) an: „Alles nicht von Ayckbourn“. Wie recht er doch hat! Wieder werden Befehl und Gehorsam gebrochen und als Generationenproblem aufgespießt. Che Guevara geht in die Kantine und Hartmann weiß, „wann ‘ne Stille trägt“. So wird aus einem Duckmäuser ein moralischer Rebell. Das Premierenpublikum war begeistert.

Am Ende ist das Chaos perfekt. Keith’ beendet die Bootsfahrt. Seine Firma ist pleite, weil die Arbeiter streikten. Ayckbourns Schlenker zum Klassenkampf nutzt Regisseur Schmidt-Rahmer als Vorlage für einen Polit-Appell, der wie angepappt wirkt: Die „Standortschließung“ von Opel in Bochum ist am Schauspielhaus aber Programmatik. Den Ernst der Lage wird man auf den Brettern, die die Welt bedeuten, nicht mehr gewahr. Schlussapplaus.

Das Stück

Eine Bootsfahrt, die einen mitnimmt, amüsiert, überrascht und manchmal nervt.

Stromaufwärts am Schauspielhaus Bochum. 1., 10., 23. November, 5., 12., 26. Dezember; Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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