Alan Ayckbourns „Bürgerwehr“ in Münster

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Annäherungen auf dem Sofa: Szene aus „Bürgerwehr“ in Münster mit Mark Oliver Bögel und Julia Stefanie Möller.

Von Edda Breski MÜNSTER - Wenn nur Jesus nichts sieht! Rund um den Heiland herrscht Verwüstung, aber Hilda (Carola von Seckendorff) drückt die Figur an sich und bringt sie in ihr Haus, ihre Festung. Auch in der zweiten Spielzeit der neuen Intendanz sind die Macher am Theater Münster gut darin, Bühnenstoffe im Milieu der Münsterländer Pfahlbürger zu verankern. Im Kleinen Haus inszeniert Thomas Ladwig „Die Bürgerwehr“ des englischen Erfolgsdramatikers Sir Alan Ayckbourn als deutschsprachige Erstaufführung.

Ladwig zeigt Typen des heimischen Kleinbürgers. Der ist, wie in Münster üblich, katholisch, eine Zutat, die Ayckbourns Gesellschaftssatire beigemengt wird.

Carola von Seckendorff und Mark Oliver Bögel spielen das gesetzte Geschwisterpaar Hilda und Martin. Sie sind in eine solide Nachbarschaft gezogen, doch das Unheil droht schon: In den Hochhäusern wohne Gesindel, sagen die Nachbarn. Die Polizei tue nichts. Es formiert sich eine Bürgerwehr. Martin wird Vorsitzender, man gründet Ausschüsse für Sicherheit und Moral. Der erste Einsatz für die Sicherheit geht zwar daneben, als Martin den Musikschüler seiner Nachbarin Martha überfällt und ihm das Instrument entreißt. Darüber geht die Nachbarschaft hinweg, jeder hat sein eigenes Mütchen zu kühlen.

Die Probleme lauern auch innen: Die knapp berockte Amy, Ziel des Moral-Ausschusses, betrügt ihren Mann Gareth (Frank-Peter Dettmann), der in der Konsequenz perverses Vergnügen daran findet, für die Bürgerwehr Folterinstrumente zu bauen. Die Nachbarn bilden eine Gated Community, man denkt über Leibesvisitationen am Einlass nach. Das wird auf der Bühne (Stefan Brandtmayr) schön deutlich, als Hilda das Haus der Geschwister nach und nach zusammenklappt wie eine altmodische Falt-Puppenstube.

Es gibt ein weiteres Ziel der Empörung in der Gruppe: Luther Bradley (Ilja Harjes als alternder Halbstarker) betrügt seine Frau Martha mit Amy. Martha (Claudia Frost) mit ihrem Faltenrock und der schüchternen Stimme wird Hildas Protegé. Amy, die Julia Stefanie Möller halb als Vamp, halb als Schulmädchen gibt, hat inzwischen den Pullunderträger Martin verführt. Die Mischung aus Angst, Begierde und Wut heizt Nachbar Rod an. Steffen Gräbner gibt einen hämischen Typen, dem man zutraut, dass er mit den Schlägertypen aus den Hochhäusern im Bunde ist. Die klatschsüchtige Ex-Lokaljournalistin Dorothy (Regine Andratschke) hält den Kontakt zur Presse.

Von dem Gesellschaftsstück bleibt die Typenparade. Zwar sind einige Ayckbourn-Witze übernommen worden, so lesen alle Nachbarn das Klatschblatt „Daily Mail“, nur der ohnehin verdächtige Luther liest den linken „Guardian“. Witzquelle der Münsteraner Inszenierung ist aber das Bürgermilieu. Marc Oliver Bögels Martin verströmt fast greifbare Selbstzufriedenheit, als er im Zuschauerraum Schilder verteilt: Keine Schnecken, keine Kinder, keine Hunde. Die Frauen ziehen die Brauen hoch, als Rod sich gefräßig über das Häppchentablett hermacht. Noch angesichts der selbstgemachten Katastrophe klammert sich Hilda an ihrem Jesus fest. Als Martin reichlich selbstgerecht seine Affäre mit einem Verweis auf Jesu Barmherzigkeit gegenüber Maria Magdalena verteidigt, setzt sie einen drauf: „Jesus wusste, wozu man solche Frauen benutzt: damit sie einem die Füße waschen.“

7., 14., 22., 26.3., 3., 27.4., 4., 10., 15.5., Tel. 0251/ 59 09 100, ww.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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