Afrika in Plakat und Foto im Museum Folkwang

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Sie hat ein Plakat verdient: „The First Lady Wine-Tapper“, zu sehen in Essen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Stolz und kraftvoll klettert die Frau den Stamm der Palme hoch. Von ihrer Hüfte baumelt die Kalebasse, die sie unter einem Schnitt am Ansatz der Palmwedel befestigen wird. So sammelt man den Saft, aus dem Palmwein gewonnen wird. Für viele in Nigeria ist der Job Männersache, aber eine Sprechblase auf dem Plakat verkündet stolz: „What a man can do, a woman can do even better...“

Das Plakat „The First Lady Wine-Tapper“ (Die erste weibliche Weinzapferin), zu sehen im Essener Folkwang Museum, bietet eine authentische Stimme zu einem afrikanischen Problem. Noch immer ist unser Blick dorthin eurozentrisch verzerrt. Zwei Ausstellungen sollen das ändern: „Afrika – Reflexionen im Plakat“ und die Fotoschau „Afrika, hin und zurück“.

In der Plakatpräsentation werden die gegensätzlichen Standpunkte deutlich. Einerseits gibt es die Plakate, in denen afrikanische Grafiker die Probleme der Bevölkerung behandeln. Westliche Betrachter empfinden sie als kleinteilig, erzählen sie doch wie Wandcomics in mehreren Bildern eine Geschichte. Das können Schauererzählungen sein wie die von Alhaji Yakubu, der ein magisches Krokodil mit lebenden Kindern füttert, damit es für ihn Geld speit. Oder vom Mann, dessen frisch angetraute Frau sich als Schlangenweib entpuppt, von dem ihn erst der Priester befreit. Im selben Stil werden aber auch Politiker angeprangert, die vor der Wahl den Armen viel versprechen, nach der Wahl aber alles vergessen und im Überfluss schwelgen. Gruselig ist ein Werbeplakat, das Osama Bin Laden als Helden des antiwestlichen Befreiungskampfs feiert. Andere Plakate behandeln häusliche Gewalt, Aids und Lynchaktionen gegen Frauen, die als Hexen verdächtigt werden. Seltsam nüchtern wirkt daneben das Werbeplakat eines Frisörs aus Ghana, der unter dem Slogan „Best Of The Best“ seine schicksten Hair-Stylings vorstellt.

Die ältesten Plakate aber stammen aus Europa und werben mit der Exotik der Ferne. Die kolonialen Produkte, Kaffee, Tee, Tabak, werden mit Bildern von niedlichen Negerjungen angepriesen, die natürlich immer in einer Dienerrolle dargestellt sind. Die Unschuld dieser Motive fehlt in der Werbung für Völkerschauen, in denen Afrikaner wie Tiere ausgestellt wurden: „Wild-Afrika auf der October-Festwiese“, hieß es 1905. Ein anderes Plakat preist die „Dahomey Amazonen“ an, „38 wilde Weiber“. Nach 1968 dann entdeckte man den antikolonialen Impuls, DDR-Plakate forderten „Freiheit für Nelson Mandela“, während im Westen „Brot für die Welt“ um Spenden warb mit dem Slogan „Zünde ein Licht an“.

Zeitlich nicht ganz so breit gespannt, aber nicht minder spannend ist die Fotoschau. Sie setzt ein mit den Arbeiten des Ethnologen Wolfgang Weber, der seit den 1920er Jahren Afrika als Spielplatz für Abenteurer zeigte. Er lichtete Löwen auf dem Weg vor seinem Jeep ab und die barbusige Häuptlingstochter, die sich an ihrem Spiegelbild im Autokühler erfreut. Germaine Krull arbeitete ab 1942 im Kongo für die französische Exilregierung, ihre Aufnahmen zeigen die Kolonien als Verbündete im Krieg gegen Deutschland. Legendär als Sinnbild der Entkolonialisierung ist Robert Lebecks Foto eines Afrikaners, der bei einer Parade zur Freigabe des Kongo in Léopoldville den Degen des belgischen Königs Baudouin stahl. In Essen ist die ganze Bildstrecke ausgestellt bis zur Verhaftung des Übeltäters. Auch Rolf Gillhausen fotografierte in Liberia den Aufbruch in die nachkoloniale Freiheit. Seine 1961 anlässlich eines Staatsbesuchs des jugoslawischen Präsidenten Tito entstandenen Aufnahmen dokumentieren die Brüche des gerade erst entstehenden Landes.

Zwei afrikanische Fotografen vermitteln die andere Perspektive: Malick Sidibé zeigt in kleinteiligen Fotostrecken junge Afrikaner aus Mali in ihrer Freizeit. Sie posieren, sie tanzen, sie albern selbstbewusst herum. Der Südafrikaner Pieter Hugo hingegen zeigt junge Afrikaner auf Müllhalden in Ghana, die Elektroschrott aus Europa ausschlachten. Ein überaus gesundheitsschädlicher Job – aber der junge Mann sieht das Kabelbündel und den Reifen als Schätze an.

Afrika – Reflexionen im Plakat und Afrika, hin und zurück im Folkwang Museum Essen. Bis 21.10., di – so 10 – 18, fr bis 22.30 Uhr, Tel. 0201/ 88 45 444, http://www.museum-folkwang.de, Kataloghefte, Steidl Verlag, Göttingen, je 10 Euro

Quelle: wa.de

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