Aernout Mik zeigt seine Videoinstallationen im Folkwang Museum Essen

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Mehr Demokratie wagen: Szene aus der Videoarbeit „Communitas“, zu sehen in der Essener Ausstellung im Museum Folkwang. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Wie eine breite Sperre spannt sich eine Videofläche im Essener Museum Folkwang. Die Bilder darauf wirken plastisch, weil es keinen Monitorrahmen gibt. Extreme Kameraperspektiven funktionieren wie ein Zoom.

Außerdem ist die Rückseite der mehrkanaligen Videoinstallation bebildert. Menschen sind zu sehen. Sie suchen etwas, konzentriert, unermüdlich, zielorientiert. Uniformierte Männer, Krankenschwestern, Ärzte sind darunter. Dann ein Schnitt – und Bildwechsel: Schweine erscheinen, eine Ziegenherde auf weiten Wiesen, Nutztierhaltung und nun offenbaren die Bilder einen umgestürzten Bus auf einer Autobahn. Sind wir Zeuge eines Unfalls irgendwo im Grünen? Verletzte oder gar Tote sind nicht zu sehen.

Der niederländische Videokünstler Aernout Mik erzählt keine Geschichte, er hat auch keinen Verkehrsunfall gefilmt, sondern alles in Szene gesetzt, alles spielen lassen. Ohne Ton. „Refraction“ (Brechung), so der Titel der Videoarbeit.

Eine gewisse Offenheit und Neugier auf gefilmte Bilder ist Voraussetzung, um die Ausstellung „Aernout Mik – Communitas“ zu ergründen. Mik zählt zu den bedeutenden Videokünstlern unserer Zeit. Er vertrat die Niederlande auf der Biennale in Venedig (2007) und war bereits mit einer umfangreichen Schau im New Yorker Museum of Modern Art (2009). Die Ausstellung in Essen zeigt zehn zentrale Werke seiner Kunst (1998–2011). Er hat die Schau selbst eingerichtet. Unterstützt wird Mik von der niederländischen Botschaft und Filmförderung sowie von der Mondrian Stiftung.

Es geht um imitierte Ausnahmesituationen. Momente, in denen die soziale Ordnung und das normale Leben gestört sind. Wenn ein Unglück alle Menschen gleich macht. Oder eine Gemeinschaft entsteht, weil sich ein politischer Wandel anbahnt und niemand weiß, welche Strukturen entstehen. Neben den Videoarbeiten „Refraction“ (2004) und „Raw Footage“, die mit Bildern ein einstürzendes Gebäude und die Angst der Passanten inszeniert, thematisiert Mik Veränderungsphasen im gesellschaftlichen System. Was könnte aktueller sein? Die Revolten in Ägypten, Tunesien und Lybien erzeugen eine sogenannte „Communitas“, wie sie der britische Anthropologe Victor Turner (1920-83) bezeichnete. Gemeint sind die Phasen, in denen Menschen aufbegehren und damit gleicher werden. Sie akzeptieren ihre Rollenzuweisung im Staate nicht mehr.

Aernout Mik hat einen solchen Prozess in dem gleichnamigen Video „Communitas“ (2010) nachgestellt. Die Dreharbeiten fanden im Kultur- und Wissenschaftspalast in Warschau statt. Ein Bau (1955) aus der Sozialistischen Zeit, den Moskau initiierte. Hier werden Szenen einer Revolte, eines politischen Neuanfangs inszeniert. Eine Frau ergreift das Wort, sie steht am Rednerpult, ihr Publikum applaudiert, ist begeistert. Neben dem großen Saal werden Sitzungszimmer gezeigt, wo junge Leute debattieren. „Okupacja“ steht auf einem Transparent. „Die Menschen wollen mehr Selbstbestimmung“, sagt Aernout Mik in Essen, „die Leute fühlen sich nicht vertreten.“ Für den Künstler ist die Demokratie in der Krise. Und er möchte mit seinen Videos zeigen, dass politische Veränderungen möglich sind.

Wer sich zwischen seinen Videoinstallationen bewegt, weiß, was Mik meint. Denn die Vorgänge im Bild werden sehr unmittelbar. Man wird Teil der Arbeit, weil die oft dreiteiligen Videoinstallationen verschiedene Perspektiven anbieten. „Shifting Sitting“ (wechselndes Sitzen) beispielsweise imaginiert einen Gerichtssaal in Rom. Man „steht“ zwischen den Zuschauern, man sieht die Klageführer und das Gericht. Es geht um Berlusconi, um Italien und die Möglichkeit, diesen politischen Führer zur Ordnung zu rufen. Mik ist bereits seit 2006 an dem italienischen Ministerpräsidenten interessiert. Nun demonstriert sein Video (2011), dass das Volk des Politikers im Gerichtssaal habhaft wird. Es ist keine intellektuelle Abrechnung, weil es keinen Ton gibt, aber das Berlusconi-Double wird körperlich spürbar, also angreifbar.

Die Schau

Videobilder in einer neuen Dimension. So fühlt sich die Welt an, wenn sie als plastische Visualisierung den Ausstellungsraum dominiert. Ein neues Gefühl von inszenierter Teilnahme.

Aernout Mik – Communitas im Essener Museum Folkwang. Bis 29. Januar; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog 32 Euro

Tel. 0201 / 8845 444

http://www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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