Äpfel, Mangold, Schrott: Die documenta 13 in Kassel

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Die Kunst steckt im frei wuchernden Grün: Der „Doing Nothing Garden“ des chinesischen Künstlers Song Dong ist ein Treffpunkt bei der documenta 13. ▪

KASSEL ▪ Grüner geht‘s nimmer als bei der documenta 13. Die Weltkunstschau in Kassel lässt nicht gerade 1000 Blumen blühen. Aber der Chinese Song Dong errichtet vor der Orangerie einen mächtigen Hügel aus Müll, den er in Erde hüllt und bepflanzt. Der „Doing Nothing Garden“ hat das Zeug zum Treffpunkt: Bei schönem Wetter sitzen auf der Randbefestigung die Sonnenlustigen und tun, was der Titel aufträgt: Nichts. Das können sie schon seit ein paar Tagen, auch wenn die Ausstellung erst heute eröffnet wird. Zum in Kassel durchaus umstrittenen Hügel kann jeder gehen. Von Ralf Stiftel

Der Schweizer Christian Philipp Müller bringt drei Kähne auf einen Kanal im Auenpark, vollgepackt mit Pflanzkästen, in denen 60 Sorten Mangold wachsen. Die documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev hat mehrere Apfelbäumchen mitgepflanzt. Sie sollen an den Pfarrer Korbinian Aigner erinnern, der wegen seiner Kritik an den Nazis ins KZ verschleppt wurde und dort vier neue Apfelsorten züchtete. Die Düsseldorfer Künstlerin, Biologin und Theologin Kristina Buch legte auf dem Friedrichsplatz einen Garten an, in den Puppen von Faltern gelegt wurden: Eine Art lebendes Gemälde aus Flatterflügeln. Pierre Huyghe setzt einen Gärtner in die Karlsaue, der einen rosa angemalten Windhund bei sich hat. Claire Pentecost erfindet eine neue Währung, den „soil-erg“, presst Torf in Goldbarrenform und errichtet Erdsäulen für einen effektiven Gemüseanbau vor dem Ottoneum. Die PolinMaria Loboda schickt ein Dutzend Zypressen in Töpfen auf die Reise, aber wenn man hinguckt, stehen sie einfach nur rum.

Carolyn Christov-Bakargiev (54), US-Kunsthistorikerin, hat vorab Seltsamkeiten geäußert, zum Beispiel über das Wahlrecht von Erdbeeren und Hunden. Vor der Presse gab sie sich spröde, hielt eine lange Vorlesung, statt Fragen zu beantworten. Ihre Ausstellung soll Leitlinien verfolgen: kapitalismuskritisch, ökologisch, den Ort der Schau mit der Welt vernetzend. Sie benennt neben der nordhessischen Stadt noch Kabul, Alexandria und das kanadische Banff als Ausstellungsorte. Es soll interdisziplinär sein, neben Künstlern sollen auch Wissenschaftler und Philosophen Antworten auf die Nöte der Welt geben. Weltrettung durch Kunst: Die Schau vertritt das mit Inbrunst.

Groß ist allemal, was den Besucher erwartet. 297 Teilnehmer-Namen listet der Katalog auf. Ein Zentrum liegt im Fridericianum, in der Rotunde, die als „Brain“ der Schau bezeichnet wird. Ein kleinteiliger Raum, vollgestopft mit Zeugnissen für die Bedeutung von Kunst. Hier liegen sozusagen die Keime für die Schau. Das Metronom, das Man Ray 1923 mit einem Auge seiner Geliebten Lee Miller versah, findet sein Echo in der grandiosen Installation „The Refusal of Time“ von William Kentridge im Bahnhof, wo es einen mitreißenden Reigen aus Schatten, Bildern, Klängen eröffnet.

Es gibt gerettete Kunst aus Afghanistan, die mehr als 4000 Jahre alten Kleinskulpturen der „Baktrischen Prinzessinnen“, die nicht dem Kulturterror der Taliban zum Opfer fielen. Und Mohammad Yusuf Asefi übermalte mit Wasserfarben Tiere und Menschen in den Gemälden der Nationalgalerie von Kabul. So bewahrte er mehr als 80 Gemälde vor der Zerstörung. Afghanistan spielt immer wieder eine Rolle in der Schau: Da musste Kultur sich gegen Geistfeindlichkeit behaupten und entfaltete identitätsstiftende Kraft. Mario Garcia Torres erzählt in einer Dia-Installation vom „One Hotel“, das ein Künstler in Kabul betrieb. Mariam Ghani vergleicht in einer Videoinstallation die Geschichten des Fridericianums, das im Zweiten Weltkrieg völlig ausbrannte, und des Darulaman-Palasts in Kabul.

Und auch das „Momentary Monument“ der italienischen Künstlerin Lara Favaretto am Bahnhof verweist in das geschundene Land: Sie ließ tonnenweise beim Recycling gewonnenen Metallschrott zu einem amorphen Haufen aufschütten. Ein Bild der Verwüstung, das kontrastiert mit einer zweiten Arbeit in einer Halle, wo einzelne Teile auf Sockeln sauber und museal präsentiert werden. Für eine kleine Aussage wird viel Material bewegt.

Wissenschaft ist noch eine Leitidee: In der Orangerie erfährt man, dass Computer-Pionier Konrad Zuse auch gemalt hat, einige seiner mild abstrahierenden Bilder sind neben seinen technischen Konstruktionen ausgestellt und lassen sie wie Skulpturen wirken. Der Quantenphysiker Anton Zeilinger und sein Team erklären im Fridericianum fünf Versuche mit Teilchen. Da wird die Ausstellung zum Seminar.

Wie keine documenta zuvor geht die Ausstellung in die Fläche. Es gibt Kunst in Kaufhäusern und im Weinberg. Der US-Künstler Theaster Gates setzt mit Material aus Abbruchhäusern aus Chicago ein verfallendes Haus instand. Der Besucher flaniert durch den Auenpark, wo Gartenhäuschen Kunstwerke beherbergen. Viele Arbeiten bleiben formal weit hinter den hoch gesteckten Ansprüchen zurück. Die Australierin Fiona Hall zeigt Jagdtrophäen gefährdeter Tierarten, die sie aus Tarnkleidung und Abfallmaterial baute. Das sieht dann schön bunt und kitschig aus. Frauen aus der Westsahara kochen Couscous und klären über ihre fatale Lebenssituation auf; ihre Region ist staatenlos, von Spanien aufgegebene Kolonie, von Marokko annektiert, der Boden voller Landminen. Sam Durant hat eine hölzerne Aussichtsplattform auf der Sichtachse des Parks errichtet. Sie wird gern benutzt. Ob der normale Besucher wahrnimmt, dass der US-Künstler sein Objekt aus Galgen konstruiert hat als Protest gegen die Todesstrafe? Man sieht dem sperrigen, harmlosen Turm nichts an, keine Schlinge setzt ein Signal.

Viele Arbeiten wirken wie sakrale Akte, zum Beispiel die symbolischen Baumpflanzungen. Viel zu selten stellen Kunstwerke dem Betrachter Rätsel, gehen nicht in politischen, ökologischen, esoterischen Botschaften auf. Was soll das Video von Allora & Calzadilla, in dem eine Musikerin auf einer Kopie des ältesten Musikinstruments der Welt, einer Flöte aus Geierknochen, einem Geier vorflötet? Gerne errichten Künstler Ruhmeshallen: Sanja Ivekovic hat ein historisches Foto aufgegriffen, auf dem Nazis in Kassel einen Esel hinter Stacheldraht ausstellten, die zynische Ironisierung eines KZ. Davor platziert die Künstlerin eine Vitrine voller Spielzeug-Stoffesel, jeden mit dem Namen einer positiven historischen Figur von Walter Benjamin bis Hrant Dink. So niedlich sollte Erinnerungsarbeit nicht daherkommen.

Es gibt auch die Gegenbeispiele. Wael Shawkys Video „Cabaret Crusades“, die die Kreuzzüge als Marionettenspiel erzählen mit Puppen, deren Ausdruck jede kulturelle Grenze überschreitet. Omer Fast drehte ein Video über ein Ehepaar, das seinen Sohn in Afghanistan verloren hat und nun einen Callboy anheuert, der seine Rolle spielen soll. Anna Maria Maiolino verwandelt ein Gärtnerhaus in einen Fremd raum, indem sie alle Flächen mit geformten Tonstücken bedeckt.

Diese documenta formuliert große Ansprüche. Aber den großen Wurf bietet sie nicht.

Die documenta (13) in Zahlen:

Dauer: 100 Tage (9. Juni bis 16. September)

Künstler: Fast 300 Künstler aus 55 Ländern

Künstlerische Leiterin: Carolyn Christov-Bakargiev

Orte: Hauptorte sind Fridericianum, documenta-Halle, Neue Galerie, Orangerie und der Karlsaue-Park. Es gibt aber viele weitere Orte wie ein Kino oder ein Hotel.

Ausstellungsfläche (inklusive Außenflächen): rund 1,5 Quadratkilometer

Besucher: Vor fünf Jahren kamen rund 750 000, die documenta-Chefin wünscht sich eine Million

Etat: 24,6 Millionen Euro

Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr

Tel. 0561 / 7072770

Internet: http://d13. documenta .de/

Publikationen: „Das Buch der Bücher“ mit Abbildungen und Aufsätzen, 68 Euro; „Das Logbuch“ über die Entstehung der documenta, 30 Euro, und „Das Begleitbuch“, der eigentliche Ausstellungskatalog, 24 Euro, alle Verlag Hatje Cantz, Ostfildern

Quelle: wa.de

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