Aberglaube, Kunst und Archäologie in einer Ausstellung in Herne

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Schädel am Ufer: Die fotografierte Installation von Ines Braun und Iris Stephan „Die Wilde Jagd“ (2011/12, Fotodruck auf Alu-Dibond) ist im Archäologie Museum in Herne zu sehen und will an das Brauchtum der Rauhnächte erinnern.

Von Achim Lettmann. Herne - „Halt die Hand vor den Mund“, ist eine Aufforderung, die noch heute für gute Manieren sorgen soll. Früher wollten Menschen auch verhindern, dass die Seele entweicht und böse Geister in den Körper eindringen, wenn man gähnte. Solche Details werden im Museum für Archäologie in Herne erläutert.

Die Ausstellung „Aberglaube. Moderne Kunst trifft archäologische Funde“ öffnet ein weites Feld. Das Handwörterbuch „Deutscher Aberglauben“, 1987 im de Gruyter Verlag erschienen, zeigt, wie umfangreich dieser Teil unserer Kulturgeschichte ausfällt. Die Präsentation des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe bietet interessante Zugänge. Einerseits gilt Aberglaube heutzutage als skurril, andererseits ist das Bedürfnis danach alltäglich. Persönliche Text belegen, dass der Fan seinen selbstgestrickten Schal trägt, wenn Arminia Bielefeld spielt. Und „es gab immer einen Punkt“, schreibt der „Abergläubische“, um sein Handeln zu legitimieren.

Ob der schwarze Karategürtel, der nicht gewaschen wird, oder die Wirkung von Sonne, Büffelhörner und Adlerfedern bei den Navajo-Indianern, es gibt das Bedürfnis, etwas zu Glauben, das einem im Leben hilft. Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) schrieb zum Aberglauben, „auch wer ihn erkennt, also durchschaut, erliegt seiner Macht“.

Der Aberglaube interessiert das Kölner Künstlerduo Ines Braun und Iris Stephan deshalb, weil sie wissen wollen, welche Rolle er zwischen den Menschen spielt. Wird er benutzt, instrumentalisiert? Eine Reihe von Taschenobjekten von Ines Braun thematisiert, wie „Hexen“ denunziert, gefoltert und ermordet wurden. Die Arbeit „in memoriam Agnes Kremer“ (2013) erinnert an eine Frau, die 1637 in Siegburg hingerichtet wurde. Unter Folter gestand sie Sex mit dem Teufel und Hexentanz. Von 1636 bis 1638 gab es eine Prozesswelle in Siegburg mit rund 40 Opfern des Aberglaubens. Die Handtasche ist aufgeschnitten, um die verletzte Intimität der Frau durch die öffentliche Diffamierung bloßzustellen. Der Text aus einem Gebetsbuch erinnert an die Inquisition der Kirche und den Machtanspruch, der hinter dieser Methode steckte. Außerdem half die Drucktechnik, Vorurteile und Aberglauben („Hexenhammer“) zu verbreiten.

Die vielteilige und umfangreiche Ausstellung ist klar gegliedert. Ines Braun erinnert mit ihrer Installation „Opus Alchemicum“ (2014) an den Einfluss der Alchemie, die immer dem Kerngedanken folgte, das Unedle zum Edlen zu wandeln: Blei zu Gold. Ein Blubbern ist im Schauraum des Museums zu hören, Spulen, Röhren, Glaskolben, getrocknete Pflanzen und Meßinstrumente sind aufgetürmt. Mystik, Mineralkunde, Astronomie, Astrologie bleiben mit ihren Ergebnissen im Ungefähren. Der Aberglauben war eine Vorstufe zu Chemie und Physik, die die Dinge klärten und neue Gedankengebilde entwickelten. In Herne ist auch eine Künstlerwerkstatt eingerichtet, die preis gibt, wie die Künstlerinnen arbeiten. Insgesamt sind 200 Kunstobjekte ausgestellt und zu erwerben.

Neben Kapiteln wie Fabelwesen, das Göttliche im Glauben und Magische Rituale wird in Herne auch der „Volksglaube“ thematisiert. Braun und Stephan haben dazu großformatige Fotografien geschaffen. Die Installation „Die wilde Jagd“ aus Geweihschädeln soll an den Sturm böser Geister erinnern. In den Rauhnächten, um den Jahreswechsel herum, glaubten die Menschen, strichen Dämonen durch die Lande. Man müsse im Haus bleiben, um dem lärmenden Treiben der Wesen zu entgehen, hieß es bis ins 19. Jahrhundert hinein. Vom dunklen Geisterreich erzählt dies Brauchtum, das Braun/Stephan mit naturklarer Landschaftsfotografie aufhellt.

Zum Programm der Ausstellung in Herne zählen die archäologischen Funde, die belegen, was in überlieferten Geschichten zum Aberglauben zählt. Wie die Orakelstäbchen aus Knochen, die in Beckum gefunden wurden. Verschieden markiert ließ man sie entscheiden, entweder geworfen oder aus der Hand gelesen. Als eine Art Würfel wurden die Sprunggelenke von Schafen schon im 8. Jahrhundert von Römern und Griechen genutzt. Ein Baumsarg aus Freckenhorst, 10. Jahrhundert, Stiftskirche, belegt, dass Christen ihre Toten neben der Kirche begruben. Der geweihte Boden war für Sünder und Verbrecher tabu, die am Rande der Gemeinde verscharrt wurden. Der Totenkult war in verschiedenen Kulturen oft zur Abwehr von Unglück eingesetzt und sollte Krankheiten vermeiden helfen. Da schwingt noch Okkultismus mit, der seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert eine abfällige Bedeutung erlangt hat.

Wer glaubt, will sich oft auch zeigen und beweisen. Ein Trichterhalsbecher aus dem 16. Jahrhundert hat ein biblisches Bildprogramm. Ob auf Geschirr oder auf Kaminfliesen, der gläubige Christ demonstrierte seinen Glauben im Privaten, es war ein Teil von ihm.

Ein Schädel aus Balve, Karhofhöhle (6. bis 3. Jahrhundert v. Chr.), hat keine Zähne mehr und war mit Keramikscherben gefunden worden. War am Fundort eine Opferstätte der Eisenzeit, ein Kultort oder sind nur Reste einer religiösen Feier aufgespürt worden? Der Wissenschaftler rätselt, glauben lässt sich jede Variante.

Bis 1. November; di, mi, fr 9 bis 17 Uhr, do bis 19 Uhr, sa, so 11 bis 18 Uhr; Tel. 02323/946 280;

www.lwl-landesmuseum-herne.de Katalog 14,95 Euro

Quelle: wa.de

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