Aachen präsentiert „Karl der Große – Macht, Kunst, Schätze“

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Glorifiziert für die Nachwelt: Die Büste Karls des Großen ist in der Aachener Domschatzkammer ausgestellt.

AACHEN - Am nächsten kommt man dem Kaiser vielleicht dort, wo es ruhig ist. Wo nur die Kunstwerke sprechen, die in seinem Auftrag, an seinem Hof entstanden. Beim kleinen Dagulf-Psalter vielleicht, in dem die Psalmen kunstvoll mit Goldtinte aufgeschrieben sind.

Zwischen 783 und 795 ist das Buch entstanden, und sein kleines Format spricht dafür, dass es für die private Andacht eines Frommen gedacht war. Kann gut sein, erklärt Florentine Mütherich, Expertin für Buchmalerei, dass Karl der Große das Werk wirklich benutzt hat. Kostbar genug ist es ja. Beweisen freilich kann man das nicht.

Vor 1200 Jahren starb Karl der Große in Aachen. Hier hatte er sich seine Kaiserpfalz eingerichtet, ein Zentrum eines im Mittelalter einzigartigen Reichs. Das Karlsjahr feiert die Stadt mit einer Dreifachausstellung: „Karl der Große – Macht, Kunst, Schätze“. Ein Riesenprojekt, das Hunderttausende anlocken soll. 3,7 Millionen Euro kostete die Schau, die an drei Schauplätzen gezeigt wird.

Im Krönungssaal des Rathauses lässt sich der Lebensweg Karls nachverfolgen. Der um 748 geborene Herrscher war eine komplexe Person, führt der Historiker Rudolf Schiefer aus. Einerseits erweiterte er das Frankenreich mit einer Eroberungspolitik, die vor brutalen Gemetzeln und ethnischen Säuberungen nicht zurückschreckte. Andererseits verstand er sich als frommer Christ. Und mit seiner Bildungspolitik legte er die Grundlagen des christlichen Abendlandes. Die karolingische Minuskel zum Beispiel, die er entwickeln ließ, ist Grundlage der modernen Schriften. Er sah, dass das Frankenreich aus eigener Kraft nie den kulturellen Rückstand gegenüber anderen Reichen aufholen könnte – und lud Gelehrte ein, die das Wissen der Antike zugänglich machten. Kluger Herrscher, Heiliger, Barbar – alles davon trifft auf ihn zu und beschreibt ihn doch nicht völlig.

Die Schau „Orte der Macht“ im Rathaus umschreibt mit rund 320 Exponaten Karls Leben, Werk und Nachwirkung in kulturhistorischer Perspektive. Hier wurde mit modernen Medien gearbeitet: Den Karlsschrein sieht man in einer 3D-Videoanimation, die erst das Gold glänzen lässt, dann den Blick aufs Innere öffnet und die Gebeine des Herrschers wie im Röntgenbild sichtbar macht. Am Ende wirbeln Sterne. Nachgebaut wurde ein fränkischer Reiter, und man sieht originale, ziemlich angerostete Schwerter und einen von der Waffe gespaltenen Schädel.

Am Anfang seiner Karriere reiste Karl samt seinem Hof durch das Reich, wenn er nicht gerade Nachbarstämme unterwarf. Reisen war ein Luxus der gehobenen Stände. Normalerweise blieben die Menschen des Mittelalters da, wo sie einmal waren. Man sieht, allerdings in einer Kopie, den bronzenen Dagobert-Thron, ein prestigeträchtiges Möbel, das den Rang des Herrschers unterstrich. Es gibt archäologische Funde wie Werkzeug und Schmuck, Architekturelemente wie Kapitelle und von der Antike inspirierte Mosaike. Eine Computeranimation vermittelt neue Erkenntnisse über die Aachener Kaiserpfalz, deren Gestalt immer besser erforscht wird. Und auch der Alltag am Hof wird beleuchtet mit Büchern, Spielzeug und dem Ulfberht-Schwert, der Rolex unter den Waffen, mit dem ein Ritter kämpfen und angeben konnte.

Das Zentrum hat die Schau aber im neu errichteten Centre Charlemagne, wo „Karls Kunst“ ausgebreitet wird: Gerade einmal 31 Stücke, aber Originale, ohne Animation und Schnickschnack. Hier sieht man vier von acht erhaltenen Büchern aus Karls Hofschule, darunter das Godescalc-Evangelistar, das den Namen seines Schreibers trägt und das älteste Zeugnis der fränkischen Liturgiereform ist. Man sieht Evangeliare aus der Werkstatt des Wiener Krönungsevangeliars, der zweiten Werkstatt an Karls Hof (Wien steht für den heutigen Standort des Werks).

Aus Leipzig kam das monumentale Elfenbeinrelief des Erzengels Michael im Kampf mit dem Drachen zurück nach Aachen (um 810), die älteste bekannte Version des Themas. Erstmals wieder vereint sind die beiden Einbandtafeln des Lorscher Evangeliars, das eine aus dem Londoner Victoria & Albert Museum, das andere aus den vatikanischen Sammlungen. Das Evangeliar selbst, ebenfalls in zwei Teile zerfallen, ist nicht im Original ausgestellt, weil der Vatikan seinen Teil nicht mehr verleiht. Aber es wird ein Faksimile gezeigt, in dem der Besucher sogar blättern darf.

Hinzu kommen einzigartige weltliche und sakrale Goldschmiedearbeiten. Aus Leiden ist die Fibel von Dorestad zu sehen, ein spektakuläres Stück, das Jahrhunderte lang in der Erde ruhte, offenbar versteckt vor raubenden Wikingern.

Was den Kreis schließt: In der Domschatzkammer sind die „Verlorenen Schätze“ zu sehen. Immer wieder war das Domkapitel in Geldnot – und verhökerte Reliquien, kostbare Bücher, Gold und Silber. Selbst das Krönungsevangeliar, der Säbel Karls und sein Leichentuch wurden veräußert. Aus Wien, Paris, London kehren nun vor allem kostbare mittelalterliche Textilien zurück. Die hatte der Kanonikus Bock, ein erfahrener Kunsthistoriker, aber offenbar auch ein Gauner, oft zerschnitten und sogar auf eigene Rechnung auf den Markt gebracht. Was ihm den Beinamen „Scheren-Bock“ eintrug.

Die Schau

Mal ein kulturhistorischer Blick auf Leben und Wirken des Kaisers, mal eine erlesene Schatzsammlung. Aachen feiert prunkvoll: Karl der Große – Macht, Kunst, Schätze

in Rathaus, Centre Charlemagne und Domschatzkammer.

Bis 21.9., tägl. 10 – 18, do – sa bis 21 Uhr,

Tel. 0241/ 432 4902,

www.karldergrosse2014.de

Katalog, 3 Bände, Sandstein Verlag, Dresden, 59 Euro (auch einzeln erhältlich); Katalog „Verlorene Schätze“, Schnell+Steiner, Regensburg, 12,95 Euro

Kurzführer 6 Euro

Quelle: wa.de

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