„301“: Ein Nachlass-Album von e.s.t.

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Sie gaben sich als coole Erneuerer: e.s.t mit Magnus Öström, Esbjörn Svensson und Dan Berglund (von links).

Von Ralf Stiftel ▪ „Wir sind eine Pop-Band, die Jazz spielt.“ So definierte Esbjörn Svensson das Konzept seiner Band, des Esbjörn Svensson Trios, das unter dem Kürzel e.s.t. berühmt wurde.

Soviel hatte die Gruppe um den schwedischen Pianisten geschafft: Ihre Platten erreichten auch in den Pop-Charts hohe Platzierungen. Sie räumten Preise ab, füllten auf Tourneen große Hallen und standen vor dem Durchbruch im Mutterland des Jazz, den USA, als 2008 Svensson bei einem Tauchunfall starb.

Ein Schock für die Jazzwelt. Gerade hatte e.s.t. nach neuen Richtungen gesucht, 2007 im Studio 301 in Sydney, Australien. Das Album „Leucocyte“ wurde von vielen Fans als wegweisend verstanden. Die Stücke wurden lang und länger, so wie in den Live-Konzerten. Der Klang wurde düsterer schattiert. Am Freitag erscheint eine neue Platte von e.s.t., „301“, aus dem restlichen Material dieser Session ausgewählt von Svenssons Weggefährten, dem Bassisten Dan Berglund und dem Schlagzeuger Magnus Öström. Zwei Tage lang hatten die Musiker entspannt improvisiert, neun Stunden Material war am Ende aufgenommen. Schon damals war geplant, zwei Platten kurz hintereinander oder aber ein Doppelalbum herauszubringen.

Das unterscheidet „301“ von vielen parallelen Fällen, bei denen ein Studio die Aufnahmereste eines toten Stars ausschlachten will. Dieses Album war vorgesehen, Svenssons Weggefährten legen das endgültige Vermächtnis der Band vor.

e.s.t. waren viel bejubelt, aber fanden durchaus auch Kritiker. Sie hatten sich vom Jazz ziemlich weit entfernt. Svensson spielte weniger mit melodischem und harmonischem Material als mit Sounds. Seine Stücke bestehen aus kleinteiligen Tonwendungen und Akkordstrukturen, die oft wiederholt wurden. Svensson setzte gern Verfremdungsmittel aus der zeitgenössischen E-Musik ein, legte zum Beispiel einen Metallstab auf die Saiten des Pianos, was einen kurzen, schnarrenden Ton erzeugt. Daraus entstand in Konzerten der Band eine gewisse Energie, Hörer konnten sich an langgezogenen, an- und abschwellenden Klangwellen berauschen. Dazu passte das Spiel Berglunds, der mit Effektgeräten wie Fuzz und Echo dem Kontrabass mal wuchtige Riffs entlockte, mal heulende Melodiephrasen wie bei einer E-Gitarre. Öström ließ sich von Drumcomputern anregen, deren kantige Rhythmik er aufgriff. Das knüpfte an Hörerwartungen von Rockfans und Technotänzern an, verbunden mit eher schlichten, romantischen Themen. Viele Jazzfans fühlten sich davon unterfordert.

„301“ wird die Positionen nicht ändern. Die Band bietet das, was man von ihr kennt, mit ein paar neuen Wendungen. Die Platte hebt mit einem verhaltenen Pianosolo an, „Behind The Stars“, eine schlichte und durchaus schöne, klassisch anmutende Improvisation. Der nächste Titel, „Inner City, City Lights“, steht für die populäre Seite der Band: Ein ultralangsamer Beat mit langgezogenen Hintergrundsounds, über die Svensson Improvisationen mit dem präparierten Piano legt. Es gibt Jazzanklänge, zum Beispiel in „The Left Lane“, das mit einer Art Latin Groove anhebt, sich aber nach etwa fünf Minuten in eher planlose Soli auflöst. Die abschließende Ballade „The Childhood Dream“ hat mit bluesigen Phrasierungen starke Momente, hier greift die Band noch einmal ihre Jazzgeschichte auf. Dazwischen aber gibt es viel elektronisches Getöse, verzerrte Rockakkorde, Feedback-Gejaule.

e.s.t.: 301 (act)

Quelle: wa.de

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