„200 Jahre Westfalen. Jetzt!“ in Dortmund

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Nah beieinander: Ein Grubenpferd (ausgestopft) und die gute Stube des pensionierten Bergarbeiters Gotthard Kindler mit Fernseher, Ledersessel und Nierentisch.

DORTMUND - Wer sich nicht ganz sicher ist, was Westfalen bedeutet, und vor allem, was einem persönlich Westfalen bedeutet, der hat ab Freitag eine große Chance. In Dortmund wird Westfalen im Museum ausgebreitet, ohne gestrig zu wirken. Die Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“ versucht, die Vergangenheit zu erfassen und die Gegenwart zu erfrischen. Ich fühl’ mich so westfälisch?!

Das klingt ein bisschen kurios, aber im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund wird der Ausstellungsraum zu einem Boulevard erstaunlicher Objekte und lebensnaher Dinge. Wer sitzt nicht mal gern am 100 Jahre alte Tresen, blickt auf Wacholderschnaps, Zapfanlage und Vereinspokale. So war es früher in zahllosen Straßenkneipen – und das polierte Kupfer schimmert warm. Heimatgefühle? Die sind durchaus erwünscht. Immerhin haben der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Westfälische Heimatbund, der sein 100-jähriges Bestehen feiert, das Museum unterstützt.

Die 800 Exponate sind auf 1800 Quadratmetern dicht präsentiert: Im „Treibhaus“ geht es um Landwirtschaft, in der „Siedlung und Straße“ um Alltägliches. Das „Archiv“ nimmt ganz wichtige Objekte auf, die im Bereich „Territorium“ einem anderen Thema weichen mussten. Bis November geht es um den „Aufbruch zur Moderne“, dann um „Industrie und Mobilität“ und ab Januar um „Gegensätze und Toleranz“.

Eigentlich beschreibt das letzte Thema jene Konstanten, die in Westfalen fruchteten. Anlass der Ausstellung ist der Beschluss des Wiener Kongresses von 1815, die verschiedenen Regionen Westfalens Preußen zuzuschlagen, das eigentlich lieber Sachsen gehabt hätte – mehr Industrie, mehr Menschen. Aber Preußen sollte die Westgrenze zu Frankreich stärken. Land- und Provinzialstände wurden gegründet, eine Verwaltung aufgebaut, die vor allem Gegensätze überwand und Wirtschaft entwickelte. Vom Ludwig Freiherrn Vincke ist der Bürostuhl mit zerschlissenem Leder zu sehen und von Karl Freiherrn vom Stein sein Reisesessel, der bis England gelangte. Dort wurde die Technik der Dampfmaschinen inspiziert. Gisbert von Romberg (1773–1856), Grafschaft Mark, erhielt eine Dampfmaschine, sie pumpte 1799 auf Zeche Vollmond in Bochum Grubenwasser ab. Zuvor hatten die Rombergs am Ardeygebirge abgebaut und die Steinkohle an Schmieden zwischen Schwerte und Soest geliefert. Die Förderungsraten stiegen, mit dem Bergbau entwickelten sich Metall- und Stahlproduktion. Von Friedrich Harkort, dem „Vater des Ruhrgebiets“, ist eine Büste in Dortmund zu sehen. Bildhauer Gerhard Afinger zeigt den Industrie- und Sozialpionier 1875 streng und ernst. Zur Köln-Mindener Eisenbahn sind ein Radreifen und Schienen ausgestellt. Dampfmaschinen finden sich allerdings nur in kleinen Modellen, wie sie in den 60er Jahren in jedem gutbürgerlichen Kinderzimmer rauchten.

Zur Vielfalt zählt die „Romantik-Wand“, wie Kuratorin Carina Bernd sagt. Sie hat mit Brigitte Buberl die Ausstellung konzipiert. Ein Gemälde von 1864 zeigt die Gräfin Gallitzin. Sie unterhielt einen literarischen Zirkel („Musenhof“) in Münsster und war mit den von Haxthausens befreundet. Von Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) ist das Sprick-Porträt von 1838 und eine Ausgabe der „Judenbuche“ zu sehen. Ebenfalls liegt das Kirchenbuch aus, das den Geburtseintrag von Johann Winkelhane führt, der seinerzeit einen Juden erschlug und sich Jahre danach selbst richtete. Die echte Geschichte zur Weltliteratur.

Auch an den Aufstand in Iserlohn wird erinnert. 1849 protestierten Landwehrmänner gegen ihren Einsatz im revolutionären Baden. 100 Menschen starben im Kugelhagel preußischer Soldaten. Ansonsten blieb es 1848/49 in Westfalen ruhig.

Die Ausstellung ist nicht chronologisch. Im „Treibhaus“ finden sich Dinge, die Heimatvereine – es gibt 549 – als typisch westfälisch vorgeschlagen hatten. Ein Bohnenpflanzer zählt dazu und Moorschuhe für Pferde. Die Zuckerrübe taucht als Plastikmodell auf. Echte Pflanzen finden sich aber nicht. Wandtapete und Maisfräsen der Firma Claas dominieren den Raum. 1913 war das Unternehmen in Harsewinkel gegründet worden, das heute zu den Weltmarktführern bei Agrarmaschinen zählt. Fotokunst steuern Bernd und Hilla Becher bei, die Fachwerkhäuser aus dem Siegerland in Serie zeigen.

Es wird immer mal heimelig in der Schau: Beim Bergmann Gotthard Kindler zum Beispiel, der sein Weißzeug mit Arschleder aufgehängt hat. Seine gute Stube wirkt mit Fernseher und Ledersessel bescheiden. Ein Grubenpferd ragt in das Arrangement – ausgestopft und nicht verzehrt, wie lange Zeit üblich. Solche Überschneidungen stärken das unterhaltsame Moment der Schau.

Was für einen westfälisch ist, kann am Ende jeder selbst entscheiden: bodenständig, sparsam und bescheiden – das dürfte jedem Westfalen klar sein, sind seine Eigenschaften.

Die Schau

Unterhaltsame und reich ausgestattete Schau über Erfolge, Besonderheiten und Typisches aus Westfalens Geschichte.

200 Jahre Westfalen. Jetzt! im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund.

Ab Freitag, 28.8.–28.2.2016

di – so 10 – 17, do bis 20, sa bis 17 Uhr;

Tel. 0231/50 255 22;

www.200jahrewestfalen.jetzt

Katalog, Aschendorff-Verlag, Münster, 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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