Zum 100. Geburtstag von Ernst Oldenburg startet das Oldenburg-Museum neu

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Mit der linken Hand malte Ernst Oldenburg dieses Selbstporträt 1989 – nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte.

Von Ralf Stiftel UNNA - Einäugig blickt Ernst Oldenburg dem Betrachter aus dem Selbstporträt entgegen. „Da hat er noch einmal seine Hände bestraft“, sagt Karola Ramas-Oldenburg, seine Tochter. Die Hände sind auf dem Gemälde nicht zu sehen, und die Unschärfe des halben Gesichts ist nicht zufällig. Das Bild entstand 1989. Ein Jahr zuvor hatte der Künstler einen Schlaganfall erlitten, war danach rechtsseitig gelähmt. Aber er begann sofort wieder zu malen, mit der Linken, als ob nichts wäre. „Solange ich malen kann, lebe ich“, hat er einmal gesagt. Und wirklich, erzählt seine Tochter, als er 1992 nicht mehr arbeiten konnte, habe er sich ins Bett gelegt und sei gestorben.

Heute wäre Oldenburg 100 Jahre alt geworden. Und Karola Ramas-Oldenburg versucht einen Neustart, um ihren Vater endlich so berühmt zu machen, wie er es verdient. Darum eröffnet heute das Ernst-Oldenburg-Museum in Unna-Kessebüren neu. Und am Wochenende beginnt im Kunstverein Soest eine Doppelausstellung, die Werke Oldenburgs und seiner Tochter im Dialog vorstellt.

Jahrelang war das Haus, in dem das reife Werk des Künstlers entstand, der Öffentlichkeit nicht ganz zugänglich. Teile waren vermietet. Dabei hatte er sich im Testament gewünscht, dass seine Bilder und Skulpturen in der alten Dorfschule ausgestellt sein sollen. Und die Verehrer konnten auch immer das Atelier sehen, in dem man den Eindruck hat, der Meister sei nur gerade mal vor die Tür gegangen. Die Staffelei steht, auf einem Schrank sind Farbtuben aufgereiht. Und an den Wänden hängen Werke aus allen Schaffensphasen. 350 Arbeiten bewahrt Ramas-Oldenburg. Und nun, da das Haus komplett renoviert wurde, können viele davon auch gehängt werden.

Der Maler und Bildhauer war enorm produktiv. 1600 Arbeiten erfassten die Tochter und der Kunsthistoriker Claus Pese, als sie 2006 ein Werkverzeichnis erstellten. Aber Oldenburg hat nie Buch geführt über Verkäufe. Er arbeitete nicht mit Galerien zusammen. „Er war sehr erfolgreich und verkaufte teuer“, sagt seine Tochter. Aber eben fast nur an private Freunde seiner Kunst. So hängen seine Werke in Wohnungen in Hamburg, Stuttgart, sogar Brasilien. Aber nicht in den großen Museen. Was dem Nachruhm nicht förderlich ist, bedauert Karola Ramas.

Sein Talent wurde schon früh erkannt. Im Alter von 14 Jahren begann er in seiner Geburtsstadt Danzig ein Kunststudium bei Fritz August Pfuhle. Mit 18 Jahren porträtierte er den berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Er kannte Otto Dix, Ernst Ludwig Kircher, Max Pechstein. In der NS-Zeit arbeitete er als Architekt – und knüpfte Kontakte nach Paris zur dortigen Avantgarde. Nach dem Krieg kam er nach Ost-Berlin, poträtierte im Kreis um Brecht und Anna Seghers Schauspieler. „Es ging uns gut in der DDR“, meint seine Tochter. Trotzdem kam er offenbar nicht zurecht. 1954 floh die Familie in den Westen, zunächst nach Holstein. Dann kam er nach Westfalen, zunächst mit einem Zweitatelier in der damals blühenden Chemie-Stadt Marl, wo er in örtlichen Honoratioren eine gute Kundschaft für Porträts fand. 1963 wies ein befreundeter Anwalt ihn darauf hin, dass in Unna Zwergschulen geschlossen und verkauft wurden. Das Gebäude in Kessebüren wurde erst Atelier, 1968 siedelte er dann ganz um.

Oldenburgs Werk passt nicht recht in die Kunstgeschichte. Er blieb stets der menschlichen Figur verhaftet. Einflüsse lassen sich schnell ausmachen, Matisse vor allem ist vorbildhaft, aber auch Henry Moore und Wilhelm Lehmbruck hinterließen Spuren. Seine realistischen Porträts fügen sich nicht recht ein. In den späten 1940er Jahren, den DDR-Jahren, malte er Werftarbeiter und große Anlagen sehr dicht am Ideal des sozialistischen Realismus. In den 1950er Jahren nahm er die abstrakten Tendenzen der westlichen Avantgarde auf.

So findet man in Gemälden wie „Zwei Menschen am Meer (Atlantic City)“ von 1979 zwar keinen Detailrealismus. Aber man hat doch eine klar definierte Situation zweier Akte am Strand. Äußerlich sind Oldenburgs Motive da recht beschränkt: Zweier- und Dreiergruppen, Mutter und Kind, immer wieder auch maritime Situationen. Bei ihm kommt alles darauf an, wie er die Farben setzt, wie er Gesten und Stimmungen nuanciert. Die typisierten Figuren, die ganz auf Haltung und die Spannung ihrer Extremitäten konzentriert sind, ohne äußerliche Details, wirken aus der Zeit gefallen, aber eben auch zeitlos gültig.

Mit seinen Skulpturen ist er auch im öffentlichen Raum präsent, zum Beispiel mit einer Zweiergruppe in der Fußgängerzone in Unna und mit Stationen eines Kreuzwegs in der Johanniskirche in Fröndenberg-Frömern.

Auch die staatlichen Museen öffnen sich nun seinem Werk. Das Skulpturenmuseum Glaskasten in Marl plant im Sommer (12.6.–7.8.) eine Schau, die alle Fassungen einer Skulptur vorstellt, der „Hockenden“ (1969). „Dieses Konzept hätte meinem Vater bestimmt gefallen“, freut sich Karola Ramas-Oldenburg schon jetzt.

Das Ernst-Oldenburg-Museum ist heute (100. Geburtstag) und morgen (Todestag) von 11 – 16 Uhr geöffnet.

Danach jeweils am 1. und 3. Sonntag im Monat, 15 – 17 Uhr.

Am Loerweg 1,

59427 Unna-Kessebüren

www.oldenburg-museum.de

Die Ausstellung Ernst Oldenburg und Karola Ramas-Oldenburg – Vater und Tochter im Dialog, wird am 10.1., 19 Uhr im Kunstverein Soest eröffnet. Bis 9.2., mi 15 – 18, do 18 – 20, sa 11 – 13 Uhr, Tel. 02921/ 666 346

Literatur: Claus Pese/ Karola Ramas-Oldenburg (Hgg.): Ernst Oldenburg 1914–1992, Werkverzeichnis. Edition Braus im Wachter Verlag.

Quelle: wa.de

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