Weiter Wirbel um NDR-Fernsehspielchefin Heinze

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NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze wurde suspendiert.

Hamburg - Nach der Suspendierung der NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze ermittelt nun auch die Hamburger Staatsanwaltschaft.

Die Behörde habe ein Vorermittlungsverfahren gegen Heinze aufgenommen, bestätigte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers am Samstag der Deutschen Presse-Agentur dpa. Dies seien noch keine förmlichen Ermittlungen. “Wir haben die Dinge aber im Auge“, sagte Möllers. “Das kann sich schnell ändern“. Die Anklagebehörde halte engen Kontakt zum Norddeutschen Rundfunk.

Der öffentlich-rechtliche Sender hatte Heinze am Donnerstag mit sofortiger Wirkung suspendiert. Sie hatte nachweislich mindestens vier Drehbücher ihres Mannes für den NDR verfilmen lassen, die Identität des Drehbuchautoren aber geheim gehalten - er schrieb unter dem Pseudonym Niklas Becker. Die Auftragserteilung an direkte Angehörige ist nach den Vorschriften des NDR nicht erlaubt.

Ein weiterer Film im Visier stammt von einer Agentin von Heinze, ebenfalls unter Pseudonym eingereicht, wie die “Süddeutsche Zeitung“ schreibt, die die Affäre aufgedeckt hatte. 18 Jahre lang hatte Heinze das NDR-Fernsehspiel verantwortet und dabei über renommierte Serien wie “Tatort“ und “Polizeiruf 110“ sowie etliche weitere Produktionen geherrscht. In der Branche gilt sie hochkarätige Expertin.

ARD-Programmdirektor Volker Herres zeigte sich schockiert von der neuerlichen Affäre innerhalb einer ARD-Anstalt. “Sie war eine Leistungsträgerin und eine große Kreative, daher ist ihr Fall umso tragischer und eigentlich unverständlich“, sagte er dem Magazin “Der Spiegel“. Für den Senderverbund der ARD insgesamt sieht Herres derweil keinen akuten Handlungsbedarf. “Im Lichte einer solchen Erfahrung wird man immer prüfen, ob wir uns gegen solche Betrügereien noch besser schützen können. Aber wenn einer arglistig täuscht, ist so etwas kaum zu verhindern“, sagte er.

In den vergangenen Jahren wurde die ARD durch etliche Affären erschüttert. Die größte war wohl der “Schleichewerbeskandal“, der im Frühjahr 2005 aufflog. In Serien wie “Marienhof“ und “In aller Freundschaft“ hatten Unternehmen über eine Vermittlungsagentur illegal Produkte gegen Geld platziert. Außerdem waren die Sportmoderatoren Jürgen Emig (hr) und Wilfried Mohren (MDR) sowie ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf wegen Bestechlichkeit beziehungsweise Produktplatzierung im Visier - Emig wurde sogar rechtskräftig verurteilt.

Bei Heinze liege der Fall aber etwas anders, betonte ihr Anwalt Gerd Benoit in dieser Woche: “Es liegt kein Betrug vor, bestenfalls ein Vertrauensbruch.“ Denn dem NDR entstand wohl kein materieller Schaden. Der Sender habe der Münchner Produktionsfirma AllMedia für die vier Niklas-Becker-Filme marktübliche Preise bezahlt und dafür gute Filme erhalten. Dennoch dürfte nach einem Bericht des “Hamburger Abendblatt“ vom Samstag Heinze-Ehemann Claus Strobel mit den Produktionen gut verdient haben. Die Autoren-Honorare für solche Fernsehfilme lägen im Schnitt zwischen 40 000 und 80 000 Euro pro Buch.

Dabei ist es gar kein Problem, wenn ein Angehöriger eines Sendermitarbeiters Drehbücher oder andere Leistungen anbietet - dies muss aber offen geschehen, und die eingereichten Arbeiten müssen von unbeteiligten Mitarbeitern bearbeitet und abgerechnet werden. Daran hat sich Heinze nicht gehalten, wie sie selbst zugegeben hat.

Vom Verband Deutscher Drehbuchautoren kam Kritik am NDR und der Macht, die Heinze jahrelang gehabt habe. “Man legte sich besser nicht mit ihr an. Wir hatten schon fast drei Jahre lang Hinweise auf “Niklas Becker““, sagte Verbandsvorstandsmitglied und Drehbuchautor Pim Richter dem “Spiegel“. “Niemand wollte es sich aber mit einer so mächtigen Institution wie Doris Heinze verscherzen.“

dpa

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