TV-Kritik

TV-Doku „Angela Merkel – Wir schaffen das“ auf ARD: Film bleibt viele Antworten schuldig

Neuer Film in der ARD: Die TV-Dokumentation über die Entfremdung zwischen Teilen des Volkes und der Regierung von Angela Merkel stellt viele richtige Fragen, bleibt die Antworten jedoch schuldig.

  • Neue ARD-Doku beschäftigt sich mit der Entfremdung zwischen Volk und Regierung von Angela Merkel
  • Im TV-Fokus: Rechtspopulismus, Flüchtlingspolitik, Corona und andere Krisen
  • Chaotische Dynamik: Film erhält einige Kritikpunkte

München/Berlin – Der Patient ist nicht gesund; selbst ein Laie sieht das auf den ersten Blick. Der Patient heißt Deutschland, und er leidet an Morbus Merkel, wie der Titel der Dokumentation. „Angela Merkel: ‚Wir schaffen das!’“ suggeriert; aber die Bundeskanzlerin ist nur ein Symptom und nicht die Ursache der Krankheit. Mit den wahren Gründen des Unbehagens vieler Deutscher setzt sich Helmar Büchel nicht auseinander; das ist eine klare inhaltliche Schwachstelle. 

Chaotisch: ARD-Film mit Systemkritik - Deutschland im TV-Fokus

Die zweite ist formaler Natur: Themen und Zeitebenen wechseln ständig. Das sorgt zwar für eine gewisse Dynamik, lässt den Film jedoch unstrukturiert wirken und verhindert, dass die verschiedenen Aspekte wirklich vertieft werden. Dabei ist der Ansatz nicht verkehrt. Büchel, unter anderem zweimal mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, schlägt den Bogen von der sogenannten Flüchtlingskrise zur Corona-Krise. 

Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun, und doch sind die Verläufe ähnlich: Zunächst hat die Bundesregierung große Zustimmung zu ihren Maßnahmen erlebt – damals der Verzicht auf eine Schließung der Grenze nach Österreich, in diesem Frühjahr die erheblichen Einschränkungen der persönlichen Freiheit ­–, aber dann verwandelte sich die Befürwortung zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend in Ablehnung. 

ARD-Film bleibt oberflächlich - Momentaufnahmen im TV

Beide Male haben sich Rechtspopulisten das Thema angeeignet, um Stimmung gegen die Kanzlerin Angela Merkel und die angeblich willfährigen „Systemmedien“ zu machen. Bei den Flüchtlingen hat das bestens geklappt und letztlich dazu geführt, dass die AfD in den Bundestag eingezogen ist. Bei Corona ist der Plan (noch) nicht aufgegangen. Büchel hat fleißig viele Facetten zusammengetragen und eine Menge Gespräche geführt, aber sein Film ist letztlich nicht mehr als eine Sammlung von Schlaglichtern und Momentaufnahmen. 

Krankheitsverlauf im TV: ARD-Film behandelt Krisen in Deutschland

Um im medizinischen Bild zu bleiben: Er schildert den Verlauf der Krankheit, lässt aber offen, woran der Patient tatsächlich leidet, zumal dieser paradoxerweise ja im Grunde gesund ist; Deutschland ist bislang besser als die meisten anderen Ländern durch die Corona-Krise gekommen, und die vielen Flüchtlinge haben das Land auch nicht vor unlösbare Herausforderungen gestellt. Warum gibt es trotzdem Leute, die überzeugt sind, Angela Merkel sei mit bösen Mächten im Bunde und Teil einer Weltverschwörung? 

Rechtspopulismus im neuen ARD-Film - Offene Kritik in TV-Doku

Nach wie vor, sagt Büchel, engagierten sich weitaus mehr Bundesbürger in der Flüchtlingshilfe als für die AfD; das lässt hoffen. Die AfD-Sympathisanten sind allerdings deutlich lauter. Außerdem wiederholt sich ein Phänomen, das bereits nach 2015 zu beobachten war. Damals mussten Politiker und Journalisten irgendwann eingestehen, dass sie viel zu oft auf die Provokationen der Populisten hereingefallen waren. Auf diese Weise konnte sich die AfD enormer publizistischer Präsenz erfreuen, ohne sachlich irgendwas zur Problemlösung beizutragen. 

TV-Doku über Fehler der Berichterstattung: ARD-Film appelliert an Medien

Beim Umgang mit den Verschwörungstheoretikern begehen viele Medien den gleichen Fehler: Indem sie über den hanebüchenen Unsinn berichten, tragen sie zwangsläufig zu seiner Verbreitung bei. Natürlich kann die Alternative nicht heißen, diese Dinge totzuschweigen. Früher hätten die Wortführer bloß in obskuren kleinen Zirkeln wirken können; heute haben sie dank Facebook, YouTube & Co. ein erstaunlich großes Gefolge. 

Umso wichtiger wäre es, den Dingen auf den Grund zu gehen: Warum glauben offenbar eine ganze Menge Menschen, Bill Gates wolle mithilfe von Zwangsimpfungen und implantierten Chips finstere Pläne umsetzen? Und handelt es sich, wie Büchel fragt, nur um eine lautstarke Minderheit, oder um erste Anzeichen einer tiefgreifenden Veränderung? 

ARD-Film über den Riss zwischen Volk und Regierung

Der Autor konstatiert gleich zu Beginn seines Films, ein Riss gehe durch Deutschland, und er zeigt in einem etwas überflüssigen Streitgespräch zwischen Vater und Sohn, dass sich dieser Riss auch quer durch Familien zieht. Die Frage, wo und wann der Riss begonnen hat, stellt er jedoch nicht, auch nicht seinen Gesprächspartnern (unter anderem der stellvertretende „Welt“-Chefredakteur Robin Alexander, Autorin Ferda Ataman, Grünen-Politikerin Claudia Roth und Politikwissenschaftler Herfried Münkler). 

Dafür liefert er mit seiner Chronik der „Flüchtlingskrise“ eine indirekte Antwort, die jedoch zu kurz greift; das Misstrauen, von dem er spricht, dürfte deutlich älter sein. Für eine fundierte Ursachenforschung genügt es nicht, bloß die letzten fünf Jahre zu betrachten. Vermutlich würde selbst ein Rückblick in die frühen Neunziger, als es eine erste Welle von Anschlägen gegen Asylantenheime gab, nicht weit genug zurückreichen. (Von Tilmann P. Gangloff)

TV-Doku „Angela Merkel – Wir schaffen das“ in der ARD, Montag, 22.06.2020, 22.45 Uhr

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Rubriklistenbild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

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