„Propaganda – Die Macht der Lüge“ (Arte)

Was nach dem Nachspann übrig bleibt: Propaganda, „Fake News“ und die Macht der Lüge

+
Uncle Sam auf einem US-amerikanischen Rekrutierungsplakat aus dem Ersten Weltkrieg.

Im Rahmen eines Themenschwerpunktes zeigt Arte einen Streifzug durch die Kulturgeschichte der Propaganda.

Wie so viele Geschichten, beginnt auch diese in den Behausungen der Urzeitmenschen. In einer spanischen Höhlenlandschaft nahe Puente Viesgo wurden die bislang ältesten menschlichen Malereien entdeckt. Darunter silhouettenhafte Handabdrücke, die an heutige Sprühschablonen erinnern. Bewusst angebracht als symbolische Kommunikation. In gewisser Weise eine frühe Form der Propaganda, denn die Urheber suchten eine bestimmte Aussage zu vermitteln, über deren Bedeutung heute nur spekuliert werden kann.

Die Herkunft des Begriffs liegt im Lateinischen und umfasst Verben wie „fortpflanzen“ „erweitern“, „ausdehnen“. Gar nicht mal so negativ. „Propaganda – Die Macht der Lüge“ ist die Überschrift eines Programmschwerpunkts im Kultursender Arte und zugleich der Titel eines Kulturfilms des kanadischen DokumentaristenLarry Weinstein, der einem Drehbuch von David Mortin und Andrew Edmonds folgte.

Dokumentarisch kann auch inszeniert bedeuten

Leider pflegt Weinstein die mittlerweile weit verbreitete Unsitte, seinen Film mit einem schnellen Reigen aus Interviewschnipseln und symbolkräftigen Bildern zu eröffnen, um neugierig zu machen auf die nachfolgende ausführlichere Darstellung – hier so verwischt, dass zwischen Teaser und Film kaum ein Unterschied besteht. 

Die Autoren Mortin und Edmonds haben, das muss man höchlich anerkennen, eine Fülle an Material zusammengetragen. Zu einem frühen Zeitpunkt macht Larry Weinstein transparent, dass auch ein dokumentarisches Format immer inszenierte Momente enthält. Um das nachfolgende Interview einzuleiten, wird der Medienwissenschaftler Paolo Granata gezeigt, wie er seine Bürotür öffnet und eintritt. Dem Regisseur gefällt die Aufnahme nicht. Paolo Granata muss den Vorgang wiederholen.

„Fake News“ und „Hoaxes“: vom Streich zur publizistischen Attacke

Weinstein zeigt en passant am Beispiel seiner eigenen Filmarbeit, dass im Bereich publizistischer Medien immer Vorsicht angebracht ist. Im Laufe der insgesamt 90-minütigen Laufzeit wird er diesen Aspekt vertiefen, von verschiedenen Seiten beleuchten, ihm auch überraschende Momente abgewinnen. Einer der Protagonisten ist Craig Silverman, dem die Prägung des Modeworts „Fake News“ zugeschrieben wird. Sie verdankt sich seiner journalistischen Arbeit: Er war im Internet auf eine Häufung von Berichten gestoßen, die sich schon bei einer oberflächlichen Quellenrecherche als erlogen erwiesen. Solche „Hoaxes“, irreführende Streiche, hat es auch früher schon gegeben.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei stellte sich mit seiner politischen Kunst gegen die offizielle Parteilinie. Der Menschenrechtler und Dissident verließ China im Jahr 2015.

Silverman aber stieß auf eine Gruppe mazedonischer Jugendlicher, die systematisch Falschnachrichten verbreiteten*. Nicht zum Spaß, sondern gegen Bezahlung. Viele dieser Lügen kamen dem damaligen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump zugute. So wurde behauptet, der katholische Papst unterstütze Trumps Kandidatur und Hillary Clinton befürworte Waffenverkäufe an den Islamischen Staat. Pure Erfindungen.

Geschichtslektion: Propaganda

Die Propagandamaschinerie der Gegner im Ersten Weltkrieg, die das noch junge Medium Film für ihre Zwecke missbrauchten, gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie die ausgeklügelten Manipulationstechniken der Nationalsozialisten, der stalinistischen und chinesischen Kommunisten. Unglücklich nur, dass die Autoren ein Zitat von Joseph Goebbels einbauen, das dessen Methode und die seiner Schüler zwar passgenau beschreibt, dem nationalsozialistischen Propaganda-(sic!)-Minister aber gar nicht mit letzter Sicherheit zugeordnet werden kann: „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben.“

US-Soldaten stellen das Hissen der US-Flagge während der Schlacht um Iwojima nach.

Und schon sind wir in dem schwammigen Bereich der ungeprüft weitergereichten Behauptungen, die sich vor allem in Zeiten des Internets unüberschaubar ausbreiten. In fragwürdigen Medien ebenso wie in solchen, die allgemein als seriös gelten. Es sind gar nicht einmal die großen politischen Lügen, für die im Film Boris Johnsons* Äußerung, Großbritannien überweise wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU, ein treffliches Beispiel abgibt. 

Eingeschliffen in die tägliche Berichterstattung haben sich auch Ungenauigkeiten, fahrlässige Auslassungen, ungeprüfte Übernahmen aus unzuverlässigen Quellen, Idiosynkrasien, aufgesogene Public-Relations-Märchen, die manchmal einfach zu gut klingen, um sie zu widerlegen. Unter Ausblendung der Pressegesetze der Länder, die den publizistischen Medien ausdrücklich eine Sorgfaltspflicht auferlegen.

Nordkorea einmal anders

Stärken hat Weinsteins Film dort, wo er ungewöhnliche Perspektiven auftut, die Kunst mit einbezieht oder mit dem 104-jährigen Norman Lloyd – nebenbei ein Mitwirkender der stilbildenden Qualitätsserie „St. Elsewhere“, die bei RTL sehr unvorteilhaft „Chefarzt Dr. Westphall“ betitelt wurde – einen Weggefährten Charlie Chaplins aufbieten kann.

„Propaganda – Wie man Lügen verkauft“, Dienstag, 20:15 Uhr, Arte, und in der Arte-Mediathek (verfügbar bis 9.10.2019)

Abseits des Gewöhnlichen rangiert auch der Konzertveranstalter und Nordkorea-Kenner Morten Traavik, der die Meinung vertritt, dass Europas Wahrnehmung des kommunistischen Staates von einer propagandistisch beeinflussten Berichterstattung geprägt wird. Seine These gibt zu denken, zumal wenn dokumentiert wird, dass die lange vor Rammstein durch provokantes Spiel mit Symbolen totalitärer Ideologien aufgefallene Band Laibach in Nordkorea vor Studierenden auftreten darf. Einer der vielen Aspekte, die eine intensivere Erörterung verdient hätte.

Aber Weinstein hastet von Thema zu Thema, sammelt hier eine Aussage ein, wirft dort eine würzende Anekdote dazwischen, schlägt Bögen, macht Kehrtwenden, greift ein Thema auf und scheint es gleich wieder aus dem Sinn zu verlieren. Einige Stichworte: „Charlie Hebdo“, Richard Wagner, Ai Weiwei, Che Guevara, George Orwell. Nicht nur dazu passend, daher immer wieder: Donald Trump.

Eine systematische Gestaltung ist bei diesem sequenziell strukturierten, inhaltlich überfrachteten Film nicht zu erkennen. Folgerichtig fehlt es an einer sinnvollen Verknüpfung der durchaus interessanten, teils auch wissenswerten Einzelbeobachtungen und Bestandsaufnahmen. Eine Aussage immerhin bleibt über den Nachspann hinaus bestehen: Propagandaopfer sind immer die anderen. So unser aller Irrglaube.

Im Anschluss zeigte Arte die sehenswerte Dokumentation „Iran-Irak: Die Kamera als Waffe“ über den Fotografen und Kameramann Saïed Sadeghi, der sich propagandistisch für die Islamische Revolution im Iran einspannen ließ, dies heute bereut und Auskunft gibt über die Art und Weise, wie die Lichtbildkunst missbraucht wurde.

Von Harald Keller

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare