"Melancholia": Groß und großartig

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Im ersten Teil von „Melancholia“ erzählt Lars von Trier von Justine (Kirsten Dunst), deren Hochzeitsfeier in einem Desaster endet.

München - Mit „Melancholia“ dürfen sich Kinogänger auf eine überwältigende Menschheitstragödie freuen: Warum Lars von Triers Werk ein Höhepunkt des Kinojahres ist, verraten wir in unserer Kinokritik.

Das Ende der Welt klingt nicht nach Schreien, Kreischen, Babyweinen, Explosionen oder Polizeisirenen. Was man, geschult durch unzählige amerikanische Katastrophenfilme, vielleicht hätte annehmen können. Sondern nach Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Das zeigt eine atemberaubende Vision zu Beginn des Films. Zwei Planeten prallen aufeinander, eine junge Frau im Brautkleid (Kirsten Dunst) watet nachts durch einen Sumpf, eine Mutter (Charlotte Gainsbourg) drückt ihr Kind an sich.

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Genau so wird es schließlich eintreffen in „Melancholia“, diesem neuen großen und großartigen Spielfilm von Lars von Trier, der genau genommen ein Anti-Katastrophenfilm ist. Denn der mit seinen Werken und Äußerungen gerne provozierende Däne versperrt sich in seiner Arbeit allen gängigen Genre-Gesetzen Hollywoods und erzählt die Geschichte quasi von hinten nach vorne.

Im ersten Teil dreht sich alles um die Hochzeit von Justine (Dunst): Sie ist jung und schön und arbeitet in einer Werbeagentur. Ihr Bräutigam ist ebenso jung und schön und arbeitet in derselben Werbeagentur. Umgeben von vielen genauso jungen und schönen Werbefritzen soll auf dem feudalen Anwesen von Justines reicher Schwester Claire (Gainsbourg) und deren Gatten (Kiefer Sutherland) die Party steigen. Wären da nicht die Vorhersagen, dass der Planet Melancholia demnächst mit der Erde zusammenstoßen werde. Wären da nicht die verbitterte Mutter und der trinkfreudige Vater der Braut. Und wären da nicht die extremen Stimmungsschwankungen Justines. Innerhalb von zwölf Stunden Festakt gelingt es der schwer depressiven Frau, inmitten dieser formvollendeten, exklusiven Kulisse ihr gesamtes bisheriges Dasein zu zerschlagen. Der zweite Teil setzt kurz nach der Hochzeit ein. Justine, krank und mittellos, lebt mittlerweile bei Schwester und Schwager. Genug Grund für den Regisseur, das Auseinanderbrechen der Familie lustvoll zu sezieren. Bis sich der Schwager im Angesicht der nahenden Katastrophe davonstiehlt, und wie so oft bei Lars von Trier die Frauen zurückbleiben. Im Indianerzelt, für den kleinen Sohn von Claire erbaut, finden die unterschiedlichen Schwestern und das Kind einen letzten Augenblick der Nähe.

In ruhigen, kraftvollen Bildern, die man so noch nie im Kino sehen konnte, erzählt Lars von Trier seine Variante der Apokalypse. Unaufhaltsam und gemächlich kommt Melancholia näher, und je größer der blau leuchtende Planet auf der Leinwand wird, umso eindringlicher fesselt diese überwältigende Familien-, Frauen- und Menschheitstragödie. Nahezu durchgehend mit der Handkamera gefilmt, erinnern nicht nur die wackelnden Bilder an Triers frühere Werke „Mifune“ oder „Idioten“. Auch hier vibriert die Luft beinahe vor ungelöster Probleme und aufgestauter Spannungen zwischen den Figuren. Lars von Trier, der seine heftigen Depressionen offensichtlich in den Griff bekommen hat, zeigt in „Melancholia“ einen verstörend intimen Blick in sein Inneres. Nicht nur dieser schonungslosen Offenheit wegen ist der Spielfilm einer der Höhepunkte des Kinojahres.

Ulricke Frick

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