"Easy Virtue": Pfiffiges Pointen-Pingpong

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Eine Frau auf der Überholspur: Jessica Biel spielt Larita, die im England der Zwanzigerjahre aneckt.

Nach einem Skiunfall war es lange still um Stephan Elliott, der einst mit „Priscilla – Königin der Wüste“ einen kultigen Kassenhit gelandet hatte. Mit „Easy Virtue“ feiert der Regisseur sein fulminantes Comeback.

Mit seiner herrlich frechen Bearbeitung von Noel Cowards Theaterstück „Easy Virtue“ kommt der Regisseur zurück in die Kinos. Coward, ein legendärer englischer Dandy, war bekannt für seinen sprühenden Wortwitz, der stark an Oscar Wilde erinnert. Tatsächlich wird man derzeit im Kino keine besseren Dialoge finden.

Die Geschichte spielt in England in den Zwanzigerjahren: John Whittaker (Ben Barnes), ein unbedarfter Sprössling aus bestem Hause, kehrt von einer Reise nach Hause zurück – an der Seite einer attraktiven, klugen und mondänen Amerikanerin namens Larita (Jessica Biel), die er unterwegs heimlich und ohne Zustimmung seiner Eltern geheiratet hat. Johns Mutter (Kristin Scott Thomas), eine hagere Hüterin von Anstand und Moral, ist „not amused“ – denn die burschikose Larita fährt Autorennen, raucht wie ein Schlot und hat ein loses Mundwerk. Für die frostige Mrs. Whittaker steht fest: Das Flittchen muss weg. Doch die rassige Rennfahrerin bremst das Mobbing der Matriarchin elegant aus. Und Johns zynischer Vater (Colin Firth), der die Diktatur seiner Ehefrau bislang mit Apathie, Arroganz und Alkohol ertragen hat, erwacht durch Larita aus seiner Totenstarre.

Spritzig, sinnlich, stylish: Elliotts zeitlos-eleganter Mix aus Gesellschaftssatire und romantischer Komödie weckt Nostalgie, wirkt aber nie verstaubt. Süffisant seziert er Landadel-Langeweile, Heuchelei und verstaubte Konventionen. In diabolischen Dialog-Duellen pfeffern sich die Figuren reihenweise bissige, bitterböse Bonmots um die Ohren. Doch das pfiffige Pointen-Pingpong erweist sich als verblüffend tiefgründig: Plötzlich entdeckt man, dass es auch um ernste Themen wie Sterbehilfe, Wirtschaftskrise und Kriegstraumata geht.

Größter Trumpf des Films sind indes die grandiosen Darsteller, allen voran Kristin Scott Thomas als sittenstrenges, schmallippiges Schwiegermonster und Colin Firth als bärbeißiger Spötter. Neben diesen schauspielerischen Schwergewichten schlagen sich die beiden Newcomer – Jessica Biel als lebensfrohe Emanze und Ben Barnes als blaublütiges Greenhorn – sehr beachtlich. Der frivole Tango, den Jessica Biel mit Colin Firth virtuos aufs Parkett fetzt, ist allein schon das Eintrittsgeld wert.

Abgerundet wird das Kinovergnügen durch den wunderbaren Soundtrack von Marius de Vries („Moulin Rouge“), der unter anderem mit einer originellen Swing-Version von „Sex Bomb“ punktet und auf dem die Hauptdarsteller auch als Sänger eine exzellente Figur machen.

von Marco Schmidt

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