Mit Gleichmut durchs Chaos

"Inside Llewyn Davis": Neues von den Coen-Brüdern

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Chronisch pleite und erfolglos: Folk-Sänger Llewyn Davis, großartig gespielt von Oscar Isaac.

Berlin - In ihrem neuen Film "Inside Llewyn Davis" beschäftigen sich die Coen-Brüder auf leise, schwarzhumorige Art mit der New Yorker Folkmusikszene.

„Du bist wie der idiotische Bruder von König Midas. Alles, was du anfasst, wird zu Scheiße.“ So präzise, wie es seine Ex-Geliebte Jean (Carey Mulligan) auf den Punkt bringt, kann man das Leben des erfolglosen Folk-Sängers Llewyn Davis (Oscar Isaac) tatsächlich zusammenfassen. Das triste Grau mit dem stets wolkenverhangenen Winterhimmel illustriert diese übellaunige, trübsinnige Welt hervorragend, durch die Titelheld Llewyn Davis stapft. Mit der Gitarre unterm Arm, chronisch pleite, frierend, da ohne Wintermantel, immer auf der Suche nach dem nächsten Schlafplatz für die Nacht.

In der New Yorker Folkmusikszene des Jahres 1961 haben die Brüder Joel und Ethan Coen („Fargo“, „The Big Lebowski“) ihren Film angesiedelt – in den letzten Monaten, bevor Bob Dylan die Szene in Greenwich Village aufmischte. Da gab es noch traditionelle Liedermacher-Pärchen wie Jim (Justin Timberlake) und Jean, die deutlich an reale Vorbilder wie Peter, Paul und Mary erinnern.

Als Hintergrundinformation dienten den Coens für das Drehbuch die Memoiren des Musikers Dave Van Ronk. Der war eine zentrale Figur der New Yorker Szene, bevor Folk durch politische Ereignisse und Bob Dylan allmählich massenkompatibel wurde. Van Ronks Buch mit dem Titel „The Mayor of MacDougal Street“ veranlasste die Brüder, beide große Dylan-Fans, sich mehr mit seiner Biografie und der Folkmusik in der Vor-Dylan-Ära zu beschäftigen. Llewyn Davis ist an Van Ronk angelehnt. Der mit einer Nebenrolle in „Drive“ 2011 bekannt gewordene Oscar Isaac spielt diese komplexe Loser-Figur einfach brillant. Mit stoischem Gleichmut stolpert er durch das Chaos, das er anrichtet – um gleich ins nächste hineinzugeraten. Mit erhobenem Haupt trifft er ohne böse Absichten eine falsche Entscheidung nach der anderen.

Selten war es so stimmungsvoll und amüsant, einem Mann bei der Verfolgung einer Katze und auf dem Weg ins Verderben zuzusehen. Wie auch alle anderen singt Isaac seine treffend ausgewählten und arrangierten Filmsongs selbst – und zwar wirklich großartig. „Inside Llewyn Davis“ ist im Gegensatz zu lauten Knallern wie „Burn After Reading“ wieder einmal ein Coen-Film der leiseren Töne.

Der schwarze Humor und der bittere Sarkasmus mancher Szene dieser absurden Odyssee zeigen sich erst beim genauen Hinsehen, in der fast unbemerkten Geste, im winzigen Detail und der sorgfältigen Ausstattung.

Ulricke Frick

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