„Hugo Cabret“: Ist dieser Film elf Oscars wert?

Berlin - Martin Scorsese huldigt in seinem Kinofilm „Hugo Cabret“ dem Filmmagier Georges Méliès. Ob das Abenteuer wirklich elf Oscarnominierungen wert ist? Hier die Filmkritik und der Kinotrailer:

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Das Kino sehnt sich zurück nach seinen Pionierzeiten. Seit digital (fast) alles möglich ist, trauert man um die Zeiten, als noch alles möglich schien. Kein Wunder, dass die Ewiggestrigen von der Academy die meisten Oscar-Nominierungen an das Stummfilm-Lamento „The Artist“ vergaben – und eben an „Hugo Cabret“.

Der tarnt sich zunächst als Kinderabenteuer über einen Waisenjungen, der in den Dreißigerjahren in verborgenen Winkeln eines Pariser Bahnhofs lebt und dessen Uhren wartet. Aber seine Suche nach den Bauteilen für die einzige Hinterlassenschaft seines Vaters – einen kaputten Zeichen-Automaten – führt bald auf die wahre Fährte: zu Georges Méliès.

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Das Märchen, das der Film um ihn als alten, verbitterten Spielzeughändler (dargestellt von Ben Kingsley) spinnt, dient der Huldigung der tatsächlichen Person: Méliès, der Magier des frühen Kinos, der der Leinwand das Träumen und Zaubern beibrachte und brave Bürger auf bizarre Reisen zum Mond oder in die Tiefsee schickte.

Keine Frage: Das hat Martin Scorsese an dem Stoff interessiert, und in den Passagen, wo er bebilderte Filmhistorie betreibt, wo er das kreative Chaos, den Entdecker- und Erfindergeist, die geniale Bastelfreude von Méliès’ Glaspalast-Studio wiederauferstehen lässt, da lebt auch „Hugo“ herrlich auf. Erstaunlich viel, was eindeutig nach Scorsese aussieht, stammt dabei direkt aus der Vorlage: Der Film benutzt die Zeichnungen von Brian Selznicks preisgekröntem Bilder-Roman „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ oft gradwegs als Storyboards. Und selbst die Verneigungen vor Harold Lloyd und René Clair finden sich schon im Buch.

Scorsese hat es freilich angereichert um unzählige Verweise auf alles, was seinem Cineasten-Herz sonst noch nahe ist. Und leider auch um Nebenhandlungen. Als man befand, dass der Story des Buchs etwas fehlte zum Film, wie kam man da ausgerechnet auf: „Genau! Was diese sentimentale, melancholische Geschichte braucht ist Slapstick! Einen tölpelhaften Polizist! Einen komischen Hund!“ Die Antwort ist jedenfalls nicht: „Weil’s Scorsese so toll liegt.“ Das Sentimentale kann er so wenig wie das Alberne, Familienfilme sind nicht seins. Sacha „Borat“ Baron Cohen müht sich redlich, aber weder durch Parallelen zu den Keystone Cops, noch zu Inspektor Clouseau wird seine Rolle weniger peinlich.

Seine Stärken spielt das wandelnde Filmlexikon Scorsese hingegen bei seinem ersten Einsatz von 3D aus: Da merkt man, dass er alle bisherigen Versuche kennt und sich seine Gedanken gemacht hat zu Raum im Film. Was nicht abgeht ohne „Vertigo“-Verweis – seltsamerweise aber ohne Erwähnung von Méliès’ eigenen 3D-Experimenten.

In „Hugo Cabret“ huldigt Scorsese seiner Lebensleidenschaft Kino, inszeniert gar den Geburtsmoment: Die ersten Filmvorführungen der Lumières, das elementare Erschrecken des Publikums über „Die Ankunft eines Zugs“. Es gibt eine Szene in „Hugo Cabret“, da rast ein Zug auf den Bahnhof, auf Hugo zu. Und mit allen heutigen filmischen, technischen Mitteln will uns das in ähnliche Aufregung versetzen. Doch man muss ehrlich sein: Es behält etwas Mechanisches. Das wahre „Es lebt! Es ist Hexerei!“ frühen Kinos kann es beschwören – aber nicht erreichen.

Thomas Willmann

Rubriklistenbild: © AP / Paramount Pictures, Jaap Buitendijk

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