Filmkritik und Trailer

Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3

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Ryder ( John Travolta ) bedroht die Geiseln in der U-Bahn.

Zum Kinostart von „Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3“ sehen Sie hier die Filmkritik und den Trailer zur Neuverfilmung des Romans von John Godey.

Ziemlich jeder von uns kannte in letzter Zeit wohl dieses Gefühl: Geisel zu sein gewissenloser Spekulanten, denen Rendite vor Menschenleben geht, hilflos eingesperrt in einem aus der Bahn geratenen Zug.

An einem einfachen Finanzprodukt wie Millionen-Lösegeld ist der Bösewicht von "Die Entführung der U-Bahn Pelham 1 2 3" nicht wirklich interessiert. Ryder ( John Travolta mit Spaß am ruchlosen Soziopathen) dient die Forderung nur als Mittel zum Zweck der Kursmanipulation: Panik in der Stadt schafft Panik an den Börsen - und damit kann der Insider richtig abzocken.

Dennoch ist die Neuverfilmung des Romans von John Godey weniger ein Kommentar zum Finanzcrash als eine späte Reaktion auf 9/11. Denn wie schon Joseph Sargents semi-klassische 1974er-Version ist auch die aktuelle Auflage ein Film über New York. Und es verblüfft, wie sehr sich das Bild der Stadt gleicht.

Als hätte es das große Saubermachen nie gegeben, das Dorgendealer, Kleinkriminelle, Pornokinos vertrieb und Manhattan zur sicheren Touristenattraktion machte. Als wäre Bürgermeister Rudy Giuliani nie zum amerkianischen Vorzeigepolitiker geworden. Und vor allem: Als hätte der 11. September 2001 New York nie als die Metropole der Helden und des Zusammenhalts etabliert.

Jetzt bringen Ryder und seine Bande also mit ihrer U-Bahn-Entführung wieder den Terror in die Stadt. Aber die Polizei bekommt wenig auf die Reihe, als sich kopflos gegenseitig in die Autos zu krachen. Und der Bürgermeister ist ein korrupter Populist, den außer seinem Image wenig interessiert - eine Parade-Nebenrolle für James ("Tony Soprano") Gandolfini.

Regisseur Tony Scott ist der große, alte Zyniker des US-Actionkinos. Nicht etwa im Sinne seines unverständigen Erben, des faschistoiden Rabatzbauken Michael Bay mit seiner Verachtung für Publikum und Handwerk. Nein, Scotts Zynismus ist noch eine echte Weltsicht. Und das New York, das Amerika, das er zeigt, ist kein Ort für Selbstlosigkeit. Es ist ein Ort der Angst und des Totalausverkaufs.

Nur der Fahrdienstleiter Garber scheint da eine Ausnahme zu machen. Denzel Washington wirkt schon rein physiognomisch viel aufrechter, weniger mürrisch und zerknautscht als einst Walther Matthau. Aber vielleicht war das gerade mal der Witz. Denn auch wenn Tony Scotts Film nie die taffe Eleganz des Vorbilds erreicht, so hat das Funk-Fernduell zwischen Ryder und Garber noch viel Spannung und Dichte. Doch sobald das große Rennen, Retten, Flüchten anhebt, verliert sich der Film zusehends - um dann irgendwann eher unryhthmisch zu stoppen.

Man wird das starke Gefühl nicht los, dass Scott und Autor Brian Helgeland eine noch fiesere Schlusspointe als die '74er-Version im Ärmel hatten. Und dass da das Studio die Schere ansetzte.

Thomas Willmann

Gut geölte Roman-Vorlage

Dass die beiden Verfilmungen in vielem ähnlich sind, liegt auch an der Vorlage: Das gut geölte Thriller-Fahrwerk des Romans ist so solide recherchiert und konstruiert, dass sich daran wenig verbessern lässt. Nur die Heldenrollen von Walther Matthau, bzw. Denzel Washington fehlen in "The Taking of Pelham 1 2 3 / Abfahrt Pelham 1 Uhr 23" von John Godey (ein Pseudonym des Krimiautoren Morton Freedgood, der auch die Vorlage zu "Johnny Handsome" mit Mickey Rourke lieferte): Hier herrscht ein Mosaik der Perspektiven, ein vielgesichtiges Räderwerk an Polizei- und U-Bahn-Bürokratien. Godeys düster-satirisches New York-Bild ist durchtränkt vom Misstrauen, beidseitigem Rassismus, Klassenkampf am bitteren Ende der Hippie-Ära, als Utopien dem Terror wichen. Wie die DVD des '74er-Films ist das Buch in Deutschland derzeit vergriffen, aber als US- oder GB-Import erhältlich.

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