Provokanter Polit-Thriller

"The East": Kino für Herz und Hirn

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Sarah ( Brit Marling) und Benji ( Alexander Skarsgard) in "The East".

Berlin - Wie weit darf man gehen im Kampf gegen Missstände? Der Polit-Thriller "The East" zwingt den Zuschauer zu drängenden moralischen Fragen Stellung zu beziehen. Unsere Kinokritik:

Die smarte Ex-FBI-Agentin Sarah (Brit Marling) heuert bei einer Detektei an, deren Spezialität es ist, das Image von Großkonzernen aufzupolieren, die Dreck am Stecken haben. Ihre Chefin und Ersatzmutter Sharon (Patricia Clarkson) betraut sie mit einer heiklen Mission: Sie soll die Anarchistengruppe „The East“ unterwandern und ans Messer liefern. Diese Guerillatruppe prangert mit radikalen Auge-um-Auge-Aktionen die Missetaten gieriger Öl- und Pharmafirmen an. Sarah gelingt es tatsächlich, von der Outlaw-Gemeinschaft aufgenommen und vorerst nicht enttarnt zu werden. Doch als sie die Widerstandskämpfer – allen voran den charismatischen Revoluzzer Benji (Alexander Skarsgård) und die Gerechtigkeitsfanatikerin Izzy (Ellen Page) – näher kennenlernt, gerät sie in heftige Gewissenskonflikte.

Hinter diesem packenden, provokanten Polit-Thriller stecken zwei der brillantesten Multitalente des US-Kinos: Regisseur Zal Batmanglij und Hauptdarstellerin Brit Marling, die – wie schon bei ihrem grandiosen Erstling „Sound of My Voice“ – das raffinierte Drehbuch gemeinsam verfassten und dabei eigene Erfahrungen einbrachten. Die beiden hatten sich selbst 2009 monatelang aus der Konsumwelt ausgeklinkt, mit Aussteigern in leerstehenden Häusern gelebt, so gut wie keinen Cent ausgegeben und sich aus Mülltonnen oder von eigenhändig angebauten Lebensmitteln ernährt. Ihre authentische Schilderung der Subkultur in „The East“ geschieht ganz aus Sarahs Außenseiter-Perspektive. So bleibt lange spannend, was diese Aktionisten wirklich sind: sanftmütige, spirituell angehauchte Weltverbesserer? Moderne Robin Hoods? Raffinierte Geheimdienstler? Oder gar gemeingefährliche, fanatische Terroristen?

Dabei zeichnen die beiden Autoren interessante, vielschichtige Charaktere mit Ecken und Kanten, betreiben keinerlei Schwarzweißmalerei und zwingen den Zuschauer, scharf nachzudenken und zu drängenden moralischen Fragen selbst Stellung zu beziehen: Wie weit darf man gehen im Kampf gegen Missstände? Wo verläuft die Trennlinie zwischen Gut und Böse? Diese Fragen, die durch die Occupy-Bewegung, diverse Umweltskandale und Edward Snowdens Enthüllungen zusätzliche Brisanz erhalten haben, behandelt der Film jedoch nie spröde oder verkopft: Batmanglij erzählt auf wunderbar sinnliche Weise – mitreißend, mit Mut zu großen Gefühlen und in eindrucksvollen, bisweilen geradezu magischen Bildern.

Uni-Überfliegerin Brit Marling war ausgerechnet im Investment-Banking bei Goldman Sachs tätig, ehe sie als Koautorin, Koproduzentin und Protagonistin des meisterhaften Sci-Fi-Dramas „Another Earth“ Furore machte. Die schillernde Aktrice trägt auch „The East“ wieder fast allein, überzeugt in jeder Szene und punktet ebenso wie Alexander Skarsgård mit umwerfender Leinwand-Präsenz. Daneben agieren „Juno“-Star Ellen Page und Independent-Ikone Patricia Clarkson gewohnt großartig. So bietet dieser hoch emotionale, intelligente, fesselnde Thriller faszinierendes Futter für Herz und Hirn. Was will man mehr? Richtig: mehr solche Filme, bitte!

von Marco Schmidt

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