"Anonymus": Shakespeare – Blender oder Superstar?

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Der wahre Shakespeare? Für Regisseur Roland Emmerich ist der Adelige Edward de Vere (Rhys Ifans) der Autor von Dramen wie „Hamlet“ und „Macbeth“.

München - Roland Emmerich erzählt in „Anonymus“ einen spannenden Polit-Thriller aus dem elisabethanischen England. Hier sehen Sie den Kinotrailer und die Filmkritik.

Natürlich mag der Mann es groß. Schließlich hat Roland Emmerich, unser Regisseur in Hollywood, „Godzilla“ bezwungen (für den er 1998 mit dem Spruch „Size does matter“, „Es kommt auf die Größe an“, werben ließ). Er hat Außerirdischen in den Allerwertesten getreten („Independence Day“), ist ganz weit in der Zeit zurückgesprungen („10 000 BC“) und hat „2012“ die Erde beinahe in den Orkus getreten.

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Kein Wunder also, dass sich Emmerich in seinem neuen Film wieder Großes vorgenommen hat: In „Anonymus“ erzählt er von Shakespeare, dem alle überstrahlenden Dramatiker und Dichter, der in seinen 38 Dramen und seinen Sonetten die englische Sprache erneuerte und das Theater revolutionierte. Eine Revolution, von der wir heute noch profitieren.

Doch hat William Shakespeare aus Stratford, der 1564 getauft wurde und 1616 starb, wirklich Weltliteratur geschaffen? Hat jener Mann, der in seinem Testament seiner Frau zwar sein „zweitbestes Bett“ vermachte, aber in diesem, seinem letzten Willen mit keinem Wort Dramen oder Manuskripte erwähnte, wirklich „Hamlet“, „Romeo und Julia“ und „Macbeth“ geschrieben? Die Wissenschaft zofft darüber lange schon. Roland Emmerich sagt in seinem bildgewaltigen, manchmal kitschigen Film: Nein.

Hier ist der Adelige Edward de Vere, Graf von Oxford, der eigentliche Urheber. Nur: In der politischen Schlangengrube des elisabethanischen Englands konnte dieser hochbegabte Sonderling nie und nimmer zu seinem Talent und seiner Leidenschaft stehen. Damals geziemte es sich nicht für einen Mann seines Standes zu schreiben. Er verfügte jedoch über Macht, Einfluss und die notwendige Intelligenz, um sich einen Strohmann zu suchen. Eigentlich hatte sich de Vere den ehrgeizigen Nachwuchsautor Ben Jonson erwählt, durch Zufall wurde der mittelmäßige Schauspieler-Hallodri Will Shakespeare als Urheber ausgerufen und fortan gefeiert. So sehr gefeiert, dass de Vere die Chance erkennt, durch die Macht seiner Worte die politischen Geschicke des Königreichs zu beeinflussen.

Natürlich erzählt Emmerich all das mit großer Geste, mit schwelgerischen Kamerafahrten und Detailliebe: Seine Schauspieler lässt er im tiefen Matsch der unbefestigten Straßen Londons waten. So wird „Anonymus“ zu großartigem Unterhaltungskino, zu einem politischen Thriller vor historischer Kulisse. Durch die dafür notwendigen Zeitsprünge navigieren Regisseur und Darsteller den Zuschauer sicher. Für Shakespeare-Kenner haben Emmerich und sein Drehbuch-Autor John Orloff obendrein Hinweise auf dessen Dramen versteckt: Wer sie erkennt, freut sich. Wer sie nicht (gleich) zuordnen kann, wird „Anonymus“ dennoch verstehen.

So hat Roland Emmerich einen Film über die Macht, die Strahlkraft des Wortes und die Faszination des Theaters gedreht. All das feiert auch William Shakespeare in seinen Stücken. Wer auch immer er war.

Michael Schleicher

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