Neue Einschätzung

Schwedens Sonderwegs steht in harscher Kritik - nun lobt ausgerechnet die WHO: „Etwas sehr Wichtiges getan“

Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise ist umstritten. Ein US-Experte meint nun aber, es könnte der richtige sein. Und auch in der Diskussion mit der WHO hat die Nation zuletzt in einem Punkt Recht behalten.

  • Der Sonderweg, den Schweden in der Corona-Krise* eingeschlagen hatte, sorgte weltweit für Aufsehen, das skandinavische Land weist nun deutlich höhere Todeszahlen als vergleichbare Länder vor. 
  • Doch ein US-Experte meint, die schwedische Corona-Strategie könnte dennoch die richtige sein. Und auch die WHO musste sich zuletzt korrigieren (siehe Update vom 29. Juni, 12.41 Uhr).
  • Eine schwedische Agentur für Sicherheitsforschung attestiert der Regierung nun Schwächen im Krisenmanagement (Update vom 02.07., 22.03 Uhr)
  • Hier finden Sie die grundlegenden Fakten zum Coronavirus* und die Corona-News aus Deutschland. Außerdem bieten wir Ihnen in einer Karte die aktuellen Fallzahlen in Deutschland*. Derzeit gibt es die folgenden Empfehlungen zu Corona-Schutzmaßnahmen*.

Update vom 7. Juli, 10.23 Uhr: Nicht selten wurde Schweden aufgrund des Umgangs mit der Coronavirus-Pandemie kritisiert. Das Land setzte mehr auf die Vernunft seiner Bürger statt auf Einschränkungen. Entgegen aller Kritik kam nun Lob von der obersten Stelle der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Gegenüber der schwedischen Zeitung „Svenska Dagbladet“ sagte Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyesus: „Schweden hat etwas sehr Wichtiges getan, von dem andere Länder lernen sollten.“ Damit meinte der Chef der WHO die Untersuchung, die Schweden eingeleitet hatte, um seine Corona-Strategie zu bewerten. Die WHO schätze diese Initiative, wie der Generalsekretär weiter sagte.

In der vergangenen Woche hatte Schweden eine Untersuchungskommission eingerichtet. Hiermit soll der Umgang mit der Coronavirus-Krise untersucht werden. Auch wie das Virus nach Schweden gelangt ist und sich dort weiter verbreitet hat, soll untersucht werden. Die ersten Ergebnisse werden Anfang nächstes Jahres erwartet.

Coronavirus in Schweden: Analyse der Corona-Krise attestiert Schwächen im Krisenmanagement

Update vom 2. Juli, 21.54 Uhr: Am Mittwoch hatte die staatlich finanzierte Schwedische Agentur für Verteidigungsforschung (FOI) einen Bericht vorgelegt, der dem Land eine mangelnde Vorbereitung auf die Pandemie attestierte - am Donnerstag wurde die Agentur mit einer Analyse beauftragt. Unter anderem werden mangelnde medizinische Ausrüstungen und unzureichende Schutzkleidungen gerügt. 

Immer wieder sieht sich Schweden mit Vorwürfen für den Sonderweg in der Corona-Krise konfrontiert, nun attestiert auch die Agentur der Regierung Schwächen im Krisenmanagement.

Corona in Schweden: Staatsepidemiologe kontert WHO-Vorwürfe zu Neuinfektionen

Update vom 29. Juni, 12.41 Uhr: Schon am Freitag hat Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell in der Diskussion mit der Weltgesundheitsorganisation WHO Recht behalten (wir berichteten). Nachdem die Organisation Schweden in einer Liste mit elf Ländern aufführe, in denen die Corona*-Neuinfektionen so schnell anstiegen, dass deren Gesundheitssysteme bald wieder an die Belastbarkeitsgrenzen kommen könnten, hat Tegnell widersprochen. Es liege ein Irrtum vor, betonte er und wies darauf hin, dass die steigende Zahl an Neuinfektionen schlichtweg auf eine gestiegene Anzahl an Coronavirus-Tests zurückzuführen sei. 

Corona: Schweden weist WHO-Kritik zurück - die gesteht den Fehler ein

Dass er damit offenbar richtig liegt, erkennt man daran, dass der Anteil der positiven Tests insgesamt stabil bei zwölf bis 13 Prozent geblieben sei, berichtet das Medium Bloomberg. Die Nachrichtenportal zitiert eigenen Angaben zufolge aus einer Mail, die die WHO noch am Tag, als die Liste veröffentlicht wurde, an schwedische Medien schrieb, um sich zu korrigieren. Allerdings hat die WHO Schweden dennoch nicht von der kritischen Liste genommen. Stattdessen macht auf der Website nun lediglich eine Fußnote darauf aufmerksam, dass die Fallzahlen in Schweden seit 27. Juni gesunken seien und auch die Anzahl der schweren Fälle sowie die Todesfallzahlen zurückgehen

Anders Tegnell, Staatsepidemiologe der schwedischen Gesundheitsbehörde, spricht während einer Pressekonferenz zum Thema Corona-Pandemie.

In ihrer Korrektur-Mail attestiert die WHO Schweden nun laut dem Bericht von Bloomberg, es sei dem Land durch die Einbindung der Gesellschaft gelungen, die Verbreitung auf einem Level zu halten, das das örtliche Gesundheitssystem bewältigen könne. Epidemiologe Tegnell sagte gegenüber Bloomberg, dass niemand wissen könne, wie die Pandemie enden werde. Damit will er wohl auch darauf hinweisen, dass es aktuell noch zu früh ist, zu beurteilen, ob der schwedische Weg richtig oder falsch ist. 

Corona: Schwedischer Experte spricht von langem, ungewissen Kampf gegen das Virus

Die Welt sei derzeit noch in der ersten Phase der Pandemie und müsse einen langen, ungewissen Kampf gegen Corona führen. Tegnell zufolge sei Schwedens Strategie deshalb der einzige realistische Weg, diese Krise auf lange Sicht zu bewältigen. Damit meint er, so wenige Einschränkungen wie möglich anzuordnen aber die Menschen daran zu gewöhnen, Distanzregeln einzuhalten*. 

Schweden setzt im Corona-Kampf vor allem auf Social Distancing.

Rückenwind bekommt der schwedische Experte nun von der US-Ostküste, genauer von William Hanagh, einem Epidemiologen der Harvard‘s School of Public Health in Bosten. Er denkt, dass Tegnell richtig liegen könnte, berichtet n-tv.de. Die Politik des Landes sei ungewöhnlich, doch Schweden habe seine zurückhaltenderen Maßnahmen bereits sehr früh in der Pandemie umgesetzt, noch bevor das Virus in der Bevölkerung weit verbreitet gewesen sei. Dieser Ansatz könne sich Hanagh zufolge als nachhaltiger herausstellen als die Strategie anderer Länder mit strengen Lockdowns. Welcher Weg besser war, werde sich erst am Ende der Pandemie herausstellen.

Corona: Derzeit hat Schweden eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate als Dänemark

Möglich also, dass Schweden am Ende der Corona-Krise besser dasteht als die meisten anderen Nationen. Aktueller Zwischenstand ist jedoch, dass das Land eine fast doppelt so hohe Corona-Sterblichkeitsrate hat als das Nachbarland Dänemark. Auch Tegnell räumt ein, dass in seinem Land viele Tote hätten vermieden werden können. Er glaube, „dass es sicherlich Verbesserungspotenzial bei dem gibt, was wir in Schweden gemacht haben“. Außerdem fügte er hinzu, dass es gut gewesen wäre, wenn man exakter gewusst hätte, was man schließen soll, um so die Infektionsausbreitung besser zu verhindern. 

Schwedens Top-Epidemiologe Anders Tegnell weicht nicht von seinem Corona-Kurs ab - räumt aber auch ein, dass Fehler gemacht wurden.

Corona: Schweden und WHO über Infektionszahlen uneinig - WHO korrigiert sich

Update vom 26. Juni, 19.53 Uhr: Corona-Streit zwischen Schweden und der WHO? Nachdem Staatsepidemiologe Anders Tegnell die Weltgesundheitsorganisation kritisiert und ihre Entscheidung, Schweden als Risikoland einzustufen als „eine totale Fehldeutung der Daten“ bezeichnet hat, rudert die Organisation auf Twitter zurück. 

Die WHO Europa wies am Freitagabend darauf hin, dass es in Schweden mehrere positive Trends gebe. Die Zahl schwerwiegender Corona-Fälle gehe ebenso zurück wie diejenige der Todesfälle. Während wegen zunehmender Tests die Fallzahlen angestiegen seien, sei der Anteil positiver Tests stabil geblieben. Dies rechtfertige die Bemühungen der schwedischen Behörden.

Corona: Schwedens Staatsepidemiologe wirft WHO Fehldeutung von Daten vor

Update vom 26. Juni, 12.20 Uhr: Staatsepidemiologe Anders Tegnell ist das Gesicht des schwedischen Sonderwegs, wenn es um die Corona-Pandemie geht. Vor Kurzem gestand er jedoch Fehler in Bezug auf den lockeren Weg des Landes ein (Ursprungsartikel 25.06). Mit der Einschätzung der WHO, Schweden als Risikoland einzustufen, ist der Virologe allerdings nicht einverstanden.

„Das ist leider eine totale Fehldeutung der Daten“, sagte Tegnell am Freitagmorgen im Morgenstudio des schwedischen Fernsehsenders SVT. Die höheren Corona-Fallzahlen lägen an höheren Testquoten. 

„Es ist unglücklich, Schweden mit Ländern zu vermischen, die zuvor überhaupt keine Probleme hatten und offenbar erst am Anfang ihrer Epidemie stehen“, prangerte der Virologe daher an. 

Am Donnerstag hatte der Leiter der WHO von erneut steigenden Zahlen in Europa gesprochen. Neben Schweden sei es vor allem in Länder wie Armenien, Aserbaidschan, Albanien und die Ukraine zu beschleunigten Übertragungsraten gekommen.

Schwedens Chef-Virologe gesteht Fehler bei Sonderweg ein - „schreckliche“ Todeszahlen 

Ursprungsartikel vom 25. Juni: Stockholm - Zu Beginn der Corona-Krise blickte ganz Europa und auch große Teile der Welt interessiert nach Schweden. Die Skandinavier hatten sich dazu entschlossen, im Kampf gegen die Pandemie einen Sonderweg zu gehen. Anstatt - wie in Deutschland - einen Lockdown einzuführen, blieben die Geschäfte und Restaurants in Schweden weitestgehend offen. Viel mehr riet die Regierung Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen die Öffentlichkeit zu meiden und sich selbst zu isolieren.

Coronavirus in Schweden: Staatsepidemiologe gesteht Fehler ein - „schreckliche“ Todeszahlen 

Dieser Sonderweg, der vor allem aus den weiten Teilen Europas kritisch beäugt wurde, scheint sich jedoch als falsche Entscheidung erwiesen haben. Das scheint zumindest die Ansicht vom schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell zu sein, der maßgeblich an der Ausarbeitung der Strategie beteiligt gewesen war. Der Mediziner sagte in einem Interview mit einem schwedischen Radiosender, dass das Gesundheitssystem zwar die Pandemie bewältigt hätte, aber die vielen Toten unter den Senioren vermieden hätten werden müssen. Die Todesrate unter den Senioren sei „schrecklich“. 

„Wir dachten vermutlich, dass unsere alters-segregierte Gesellschaft uns erlauben würde, eine Situation zu vermeiden wie in Italien, wo verschiedene Generationen viel häufiger zusammenleben. Aber das erwies sich als falsch“, gestand der 64-Jährige ein. 

Coronavirus in Schweden: Deutlich höhere Todeszahlen - Sonderweg gescheitert? 

Es ist nicht das erste Mal, dass der schwedische Staatsepidemiologe Fehler in der Strategie seines Landes eingesteht. Bereits Anfang Juni äußerte sich Tegnell kritisch im Hinblick auf die steigenden Infektionszahlen. In dem skandinavischen Land wurden bisher über 62.000 Infizierte registriert. Über 5000 Menschen starben an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Schweden hat mit knapp über 10 Millionen Einwohnern nur etwa ein Achtel der deutschen Bevölkerungsgröße. 

Gerade die Infektions- und Todeszahlen pro 100.000 Einwohner sind im Vergleich zu anderen skandinavischen Ländern und auch zu Deutschland sehr hoch. (fd mit dpa)

Während die ersten Touristen an den Strand zurückkehren, müssen die Bewohner einer europäischen Hauptstadt zurück in den Lockdown.

Indes veranschaulicht eine Studie, wie gefährlich ein volles Stadion in Zeiten der Corona-Krise sein kann. 

WHO und RKI wollten eine bedeutsame Corona-Entdeckung nicht wahrhaben. Ob das vieles negativ beeinflusst hat?

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Rubriklistenbild: © dpa / Johan Nilsson

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