Immer mehr jugendliche Intensivtäter?

Wiesbaden - Die zunehmende Ungerechtigkeit in der Gesellschaft könnte zu einem Anstieg von Jugendkriminalität führen.

“Experten warnen, dass die Zahl jugendlicher Intensivtäter steigen könnte“, sagte der Vizepräsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jürgen Stock, zu Beginn einer Tagung zum Thema “Junge Mehrfach- und Intensivtäter“ am Mittwoch in Wiesbaden. Grund sei neben wachsender sozialer Ungleichheit auch der Rückgang der Mittel in den öffentlichen Haushalten für soziale Projekte. Gefragt sei ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz, um kriminellen Entwicklungen bei Jugendlichen vorbeugen zu können. Experten forderten aber auch, Präventionsprogramme besser zu evaluieren und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praktikern zu verbessern.

Im BKA diskutierten am Mittwoch rund einhundert Experten aus der kriminologischen Praxis und Forschung über einen besseren Austausch untereinander. In der Praxis spielten die wissenschaftlichen Forschungen im Prinzip keine Rolle, berichtete der Berliner Polizist Oliver Knecht. Zwar seien die kriminologischen Studien durchaus bekannt, akzeptiert würden sie aber nicht. “Das eigene Praxiswissen wird höher bewertet“, sagte Knecht.

Anlass für die Tagung sind aktuelle Zahlen und Entwicklungen: Während Tötungsdelikte und Raub in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgingen, stieg die Gewaltkriminalität um elf Prozent auf rund 208.500 Fälle im Jahr 2009. Gefährliche und schwere Körperverletzungen nahmen sogar um 30 Prozent zu, so dass 2009 rund 150.000 Fälle registriert wurden. Gewaltkriminalität wird aber zu über 80 Prozent von männlichen Tatverdächtigen begangen, in mehr als 42 Prozent der Fälle sind die Täter jünger als 21 Jahre. Junge Mehrfach- und Intensivtäter machten machen dabei zwar lediglich fünf bis zehn Prozent ihrer Altersgruppe aus, begingen aber mehr als 50 Prozent aller Straftaten.

Gewaltkriminalität bringe nicht nur “erhebliches Leid“ für die Betroffenen mit sich, sie verursache auch erhebliche Kosten für die Gesellschaft, sagte BKA-Vize Stock. Amerikanische Studien aus den Jahren 2004 und 2005 legten nahe, dass durch Gewaltprävention erhebliche Mengen an Geld gespart werden könnten. “Prävention lohnt“, betonte Stock.

Eine kürzlich vorgestellte BKA-Untersuchung von rund 40 Gewalttätern aus dem rechtsradikalen, dem linksradikalen sowie dem islamistischen Spektrum hatte zudem ergeben, dass radikale Ideologien eine erheblich geringere Rolle bei der Radikalisierung spielen, als bislang angenommen. Kernpunkt sei offenbar “stärker die Suche nach Rückhalt und Verständnis, nach einer Struktur, die Halt bietet in schwierigen Zeiten“, sagte Stock. Radikalisierung und Ideologisierung passierten also eher, wenn soziale “Stützsysteme“ versagten, ein Täter Probleme in der Familie oder in der Schule habe, oder wenn es Brüche in Bildungs- und Berufskarrieren gebe.

Das bestätigte auch die Marburger Kriminologin Jacqueline Kempfer: Die Vorstellung, dass Intensivtäter immer weiter kriminell seien, erweise sich inzwischen als falsch. “Auch Intensivtäter hören auf - vor allem dann, wenn sich ihre sozialen Bindungen verbessern“, sagte Kempfer. Der Kieler Psychologe Lars Riesner empfahl den Polizeistellen, enger mit Jugendämtern und anderen Sozialbehörden zusammen zu arbeiten. Das habe die Untersuchung von vier Präventionskonzepten in Nordrhein-Westfalen ergeben.

dapd

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