Corona-Pandemie

Virologe Streeck kontert Lauterbach - und kritisiert „Schlagzeilen-Kreation“

Der Virologe Hendrik Streeck kontert auf die Kritik von Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er kritisiert die „Schlagzeilen-Kreation“ des SPD-Politikers.

Update vom Montag, 12.04.2021, 15.30 Uhr: Virologe Hendrik Streeck reagiert auf die Kritik von SPD-Politiker Karl Lauterbach auf Twitter. Lauterbach hatte Streeck am Samstag (10.04.2021) infolge dessen Auftrittes in einem Video-Podcast auf Twitter einen „Ruf nach Gelassenheit“ hinsichtlich der Auslastung von Intensivstationen vorgeworfen. Streeck hatte in dem Video-Podcast zuvor den Vergleich zu Frankreich gezogen und gesagt, dort gehe man relativ gelassen damit um. Streeck bezog sich dabei auf das Gesundheitssystem beider Länder und betonte jedoch, er glaube den Intensivmedizinerinnen und Intensivmedizinern in Deutschland, die Alarm schlagen.

Zudem hatte Streeck Ausgangssperren abgelehnt und stattdessen Ventile für die Bevölkerung gefordert. Auch stellte er die Wirksamkeit von Ausgangssperren infrage, die das Infektionsgeschehen weiter anfeuern würden. Ventile seien besser geeignet als Ausgangssperren mit „privaten Graubereichen“, wo keiner sehen könne, ob „die Regeln eingehalten werden“.

Virologe Hendrik Streeck äußert sich regelmäßig zu den Entwicklungen der Corona-Pandemie. (Archivfoto)

Corona: Virologe Hendrik Streeck reagiert auf Twitter auf Kritik von Lauterbach

Streeck schrieb nun ebenfalls auf Twitter: „@Karl Lauterbach würde gut daran tun, sich weniger mit Schlagzeilen-Kreation hervorzutun. Ich äußerte im Podcast Sorge über voll werdende #Intensivstationen und strukturelle Probleme im Vergleich zu Frankreich. „Ruf nach Gelassenheit“ ist seine Erfindung. Niemand ist gelassen.“

Corona: Virologe Hendrik Streeck spricht sich gegen Ausgangssperren aus - und macht andere Vorschläge

Erstmeldung vom Samstag, 10.04.2021, 14.30 Uhr: Essen/Frankfurt – Der Virologe Hendrik Streeck hat sich gegen einen neuen Lockdown mit Ausgangssperren in Deutschland ausgesprochen. Das betonte der 43-Jährige im Podcast „Chefvisite“ der Universitätsmedizin Essen. Darin sprach Streeck über die Wege der Pandemiebekämpfung und brachte andere Vorschläge ins Spiel.

Der Virologe stellte grundsätzlich klar, dass er der Meinung sei, dass alle Verantwortlichen willig seien, die Infektionszahlen zu reduzieren. Es stelle sich allerdings die Frage, was mit einer weiteren Verschärfung des Lockdowns bezüglich der Ausbreitung des Coronavirus bewirkt werden könne. Es gebe zwar einen Zusammenhang, eine Reduzierung der Mobilität hieße aber nicht automatisch eine Reduzierung des Infektionsgeschehens, so Streeck. Mittlerweile habe sich das Infektionsgeschehen in sozial schwache Gebiete verschoben, beispielsweise sehe man eine solche Entwicklung in Berlin-Neukölln.

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Corona in Deutschland: Virologe Hendrik Streeck spricht sich gegen Ausgangssperren aus

Familien in beengten Wohnverhältnissen hätten weniger Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen, betonte der Gesundheitsexperte. Ausgangsbeschränkungen würden deshalb das Infektionsgeschehen weiter ansteigen lassen, mutmaßte er im Podcast. Auf Nachfrage betonte er, dass er sich gegen Lockerungen ausspreche und stattdessen dafür sei, dass es Ventile in der Corona-Pandemie* für sozial schwache Familien geben müsse.

Der Virologe schlug zum Beispiel vor, dass im Freien sichere Bereiche geschaffen werden könnten, anstatt dass Menschen noch weiter zusammengebracht würden. Streeck brachte zudem coronakonforme Treffmöglichkeiten ins Spiel, wie beispielsweise in belüfteten Turnhallen. Sicherheitskräfte könnten vor Ort die Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln kontrollieren, so Streeck weiter. Auch die Außengastronomie trage nicht erheblich zum Infektionsgeschehen in Deutschland bei.

Corona in Deutschland: Virologe Hendrik Streeck spricht sich gegen Lockerungen aus

Zudem betonte Streeck, dass sich Coronaviren saisonal verhielten. Hinzu käme, dass in Deutschland die Impfungen voranschritten. Streeck sagte ebenfalls, dass er den Intensivmedizinerinnen und Intensivmedizinern glaube, was die Notrufe aus Kliniken beträfe. Zuletzt hatten unter anderem Virologe Christian Drosten* und RKI-Chef Lothar Wieler vor einer Überlastung des Gesundheitssystems gewarnt.* Streeck warf allerdings ein, dass Frankreich beispielsweise einen vierfach höheren Inzidenzwert habe und dennoch gelassener mit der Situation umgehe. In Deutschland spreche man so, als ob man kurz vor der Triage stehe. Er sei überrascht, warum man mit der Lage nicht klarkomme. Er führt dies auf Probleme im Gesundheitssystem von Deutschland zurück. Am Samstag (10.04.2021) warnte Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, erneut vor einer Zuspitzung der Situationen auf Intensivstationen. „Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben“, so Montgomery zur „Passauer Neuen Presse“.

Virologe Hendrik Streeck. (Archivfoto)

Man müsse neben Aspekten des Gesundheitssystems auch andere Faktoren, die beispielsweise psychologischer oder ökonomischer Natur seien, berücksichtigen, so Streeck. Dabei bezog er sich auch auf Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO, welche einen Lockdown als Ultima Ratio bezeichnete. Einen viel härteren Lockdown als jetzt könne es sowieso kaum geben, betonte der 43-Jährige im weiteren Verlauf des Gesprächs. Außer man verhänge einen so harten Lockdown wie in Australien mit der Erlaubnis, lediglich eine Stunde am Tag das Haus verlassen zu dürfen. Ausgangssperren zwischen 22.00 und 05.00 Uhr würden allerdings lediglich zu einer leichten Reduzierung der Infektionszahlen führen. Solche Ausgangssperren sind Teil der neuen Corona-Regeln für Deutschland*, die Kanzlerin Angela Merkel* aus der Änderung des Infektionsschutzgesetzes ableitet.

Corona: Karl Lauterbach kontert Hendrik Streeck auf Twitter

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach spricht sich seit geraumer Zeit für einen härteren Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen aus. „Natürlich hatte kein Wissenschaftler diese Hoffnung“, sagte der SPD-Politiker und Epidemiologe in der TV-Show* „Markus Lanz* im ZDF* über ein mögliches Sinken der Corona-Infektionszahlen bei höheren Temperaturen. Lauterbach kenne keinen einzigen Wissenschaftler – bis auf einen, der namhaft sei –, der diese Hoffnung habe. Damit spielte er wohl auf Streeck an, der sich bei seinen Aussagen zur Saisonalität und Verbreitung von Coronaviren wiederum auf den Forscher Chris Murray bezieht. Laut Streeck habe Murray einen Zusammenhang der beiden Faktoren nachgewiesen.

Auf Twitter kritisierte Lauterbach Streeck als Reaktion auf dessen Auftritt im Podcast – und entgegnete: „Ausgangssperren am Abend wirken nach bester Analyse aller Daten der Oxford Uni. Und Härtetests der Intensivstationen sollte man einfach lassen.“ Im Interview mit der „Fuldaer Zeitung“ erklärte Hendrik Streeck kürzlich*, „wir haben es bis heute nicht gelernt, mit dem Virus umzugehen. Als Antwort gibt es immer wieder nur den Lockdown“. (Delia Friess) *fr.de und fuldaerzeitung.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa

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