"Getötet wie ein Tier“"

Sohn von Olympique-Sportdirektor ermordet

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Die Morde in Marseille sind nicht mehr namenlos. Mit Adrien Anigo gibt es nun ein bekanntes Opfer der Kämpfe im Drogen- und Waffenmilieu. Der Sohn des Sportdirektors von Olympique Marseille stirbt im Kugelhagel auf offener Straße.

Paris - Die Morde in Marseille sind nicht mehr namenlos. Mit Adrien Anigo gibt es nun ein bekanntes Opfer der Kämpfe im Drogen- und Waffenmilieu. Der Sohn des Sportdirektors von Olympique Marseille stirbt im Kugelhagel auf offener Straße.

Drogen und Waffen, Schüsse und Tote auf offener Straße. „Marseille, immer wieder Marseille.“ Der Seufzer wird dem Gefolge des französischen Innenministers Manuel Valls zugeschrieben. Nach erneuten Exzessen der Bandenkriege in der französischen Hafenmetropole will Valls nun erneut alle Kräfte mobilisieren. Diesmal unter den Überschiften „runder Tisch“ und „nationaler Pakt“.

Mit dem jüngsten Opfer hat das Morden in Marseille ein bekanntes Gesicht bekommen: Adrien Anigo wurde am Donnerstag in seinem Auto von einem Motorrad aus erschossen. Er war der Sohn des Sportdirektors vom Fußballverein Olympique Marseille, José Anigo. Zwei Unbekannte haben den knapp 30-Jährigen nach den Worten seines Anwalts „getötet wie ein Tier“.

Bereits am Morgen hatten vier Unbekannte in La Ciotat bei Marseille einen Mann umgebracht. Damit schraubt sich die Schreckensbilanz der Stadt auf 15 Tote in 2013. Seit Jahren toben Bandenkriege in der Stadt, die in diesem Jahr auch eine der Kulturhauptstädte Europas ist.

Für Polizei und Justiz ist das Opfer Anigo kein unbeschriebenes Blatt. Als Jugendlicher war er wegen Diebstahls verurteilt worden. 2010 wurde ein Verfahren gegen ihn wegen angeblicher Verwicklung in mehrere Raubüberfälle nach einem Verfahrensfehler eingestellt. „Die Straße hat meinen Sohn geschluckt“, urteilte Vater Anigo vor einiger Zeit über die frühen Jahre seines Sohnes.

Marie-Arlette Carlotti, Kabinettsmitglied in Paris und sozialistische Bürgermeisterkandidatin für die Wahlen im kommenden März, sieht in Marseille „ein wahrhaft mafiöses Netz“ am Werk. Dies müsse nun entsprechend bekämpft werden. Carlotti will „Zeichen des Reichtums“ genauer anschauen und dabei auch in „geschützte Bereiche“ wie Bankkonten dieser Netzwerke vorstoßen.

Verbrechen werden auch in Armut und Unsicherheit geboren. Davon hat Marseille mehr als genug: Fast 30 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze von 954 Euro pro Monat. Vor allem in den nördlichen Stadtteilen gibt es zweistellige Arbeitslosenquoten und kaum Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Betroffen sind etwa Jugendliche aus unteren Schichten und Einwanderer-Familien.

Am Tag der jüngsten Morde zeigt sich auch, wie nah Glanz der Kulturhauptstadt und Brutalität der Kriminalitätshochburg beieinander liegen können. Während die von Kugeln durchsiebte Leiche Anigos noch auf der Straße untersucht wird, beendet im benachbarten Arrondissement Bundespräsident Joachim Gauck im spektakulären Prachtbau des neuen Museums für Zivilisationen Europas und des Mittelmeers seinen dreitägigen Staatsbesuch in Frankreich.

dpa

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