Frankreich

Rote und grüne Corona-Zonen in Frankreich

Bleibt die Zone grün, dürfen Restaurants wieder öffnen
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Bleibt die Zone grün, dürfen Restaurants wieder öffnen.

Frankreich lockert die Ausgangssperren und teilt das Land in grüne und rote Zonen. Ein Modell für das föderale Deutschland?

  • Frankreich lockert wegen der Corona*-Krise erlassene Beschränkungen.
  • Allerdings nicht in allen Teilen des Landes gleichermaßen: Frankreich wird in rote und grüne Zonen geteilt.
  • In roten Zonen wie Paris bleiben die Corona-Maßnahmen in Kraft, andernorts gibt es Lockerungen.

Paris - Man muss von einem Tabubruch sprechen, gar von einer französischen Revolution. Ausgeheckt hat sie ein Ökonom namens Bary Pradelski. Der junge Forscher aus Grenoble hatte eine Eingebung, als er sich mit einem befreundeten Mathematiker treffen wollte. Im Telefongespräch hielten sich beide für coronafrei und damit so etwas wie grüne Oasen im rot blinkenden Land. Um sich zu sehen, müssten sie nur einen sicheren Weg – eine Art grüne Brücke – durch das verseuchte Paris wählen, überlegten sie.

Damit war die Idee geboren, die nun ganz Frankreich einführt. Ab Montag wird das Staatsgebiet in zwei Zonen eingeteilt. Im roten Bereich von Paris bis an den Ärmelkanal und bis an den Rhein – in etwa das Landesviertel oben rechts – bleiben die seit März gültigen Einschränkungen zum Teil in Kraft. Im grünen Westen und Süden werden die Lockerung hingegen erweitert. Dort öffnen Parks, Mittelschulen und andere Einrichtungen wieder. Und wenn die Zone drei Wochen im grünen Bereich bleibt, können auch Cafés und Restaurants wieder den Betrieb aufnehmen.

Frankreich lockert Corona-Maßnahmen - aber nicht überall

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Die Teilung in zwei Zonen ist ein mentales Novum für die jakobinisch-zentralistische Republik, die nicht nur auf Freiheit und Brüderlichkeit setzt, sondern auch auf die Egalité, die sakrosankte Gleichheit. Premierminister Edouard Philippe betonte daher am Donnerstag, es gebe weiterhin nur „ein Frankreich“. Auch versuchte er, die französischen Urängste vor einem Auseinanderfallen des streitbaren Landes zu beschwichtigen. Vielleicht war das gar nicht nötig: Die Franzosen verstehen den Sinn der Grenzziehung mitten durch das Land. Im Hinterland der Côte d’Azur herrscht nun einmal nicht die gleiche Bedrohungslage wie Norden, allem voran im Großraum Paris, wo bereits 7000 Corona-Todesopfer zu beklagen sind.

Außerdem lässt sich die von Pradelski ausgetüftelte Zonenunterteilung flexibel handhaben: Verschlimmert sich die Lage in einem grünen Departement, rutscht es in die rote Zone. Öffentliche Dienste schließen wieder, die Bürger müssen Masken aufsetzen. Zur Unterscheidung hat die Regierung drei objektive Kriterien bestimmt: die Zahl der wöchentlichen Ansteckungen, der belegten Notfallbetten und der verfügbaren Schnelltests.

Corona-Krise: Frankreich lockert Maßnahmen

Ziel der elastischen Grenzziehung ist es, die „gesunden“ Zonen nicht zu benachteiligen oder wirtschaftlich nach unten zu ziehen. Wie Pradelski im April in einer viel beachteten Zuschrift in der Zeitung „Le Monde“ festhielt, sollen insbesondere Gewerbe- und Industriegebiete zu grünen Großzonen fusionieren können.

Auch der lahmgelegte und für Frankreich so wichtige Tourismus dürfte profitieren: Mit einem Umweg könnte etwa eine holländische Familie durch das grüne Gebiet bis an den Atlantik gelangen. Dort sind die Strände seit Wochen geschlossen – ab Montag sollen sie aber laut Premier Philippe wieder „von Fall zu Fall“ für Badefreunde und Spaziergänger freigegeben werden.

Corona-Krise in Frankreich: Tourismus könnte in grünen Zonen wieder anlaufen

Pradelski denkt aber auch an „grüne“ Inseln wie etwa in Spanien oder Griechenland, die von einem in einer Grünzone gelegenen Flughafen aus erreichbar wären. Was Frankreich vormacht, passt vielleicht noch besser auf föderalistische Staaten. In Deutschland würde der Forscher nach eigenen Angaben aber nicht die Bundesländer zur Unterteilung heranziehen, sondern die Landkreise. Für diese könnte die Einzonung Modellcharakter haben.

Gelingen kann das rot-grüne Unternehmen nur, wenn die Grenze dazwischen eingehalten werden kann. Da dringt dann das Obrigkeitsdenken des französischen Zentralstaates doch wieder durch: Premier Philippe hat klargemacht, dass er die Bußgelder von 135 Euro ausdehnen wolle. Das gilt besonders innerhalb des „roten“ Ballungsgebiets von Paris, wo auch Bahn- und Metroangestellte das Tragen von Masken im öffentlichen Verkehr zu überwachen und notfalls zu ahnden haben.

Frankreich: Ausgangssperre wegen Corona-Krise wird im ganzen Land gelockert

Die Einteilung in grüne oder rote Zonen ist indessen Teil eines breit gefächerten Plans, mit dem die Ausgangssperre ab Montag in ganz Frankreich gelockert wird. Die im Alltag wichtigste Neuerung: In einem Umkreis von hundert Kilometern um die Wohnadresse können sich die Franzosen wieder frei und ohne jeden Passierschein bewegen. Und was, wenn sie innerhalb dieses Radius von einer grünen in eine rote Zone gelangen? Diese Frage beantwortet das Rot-Grün-Konzept nicht, sondern wohl eher die Laune des Polizisten.

Von Stefan Brändle

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