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Bahn: Warum NRW zum Problem für den Zugverkehr in ganz Europa wird

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Von: Peter Sieben

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Ein ICE steht auf dem Gleis
Der Zugverkehr aus dem Ausland stockt spätestens in Nordrhein-Westfalen. Besonders Köln wird dabei zum Nadelöhr. (Symbolbild/Archiv) © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Quer durch Europa mit dem Zug statt mit dem Flugzeug: schöne Idee. Doch die Deutsche Bahn macht einen Strich durch die Rechnung, sagen Experten – vor allem in NRW.

Köln – Schnelle Zugverbindungen zwischen den europäischen Metropolen könnten eine echte Alternative zum Fliegen sein. Doch der Bahnverkehr in Deutschland lässt den Traum vom klimafreundlichen Reisen in Europa platzen. Zum einen passt das deutsche Schienennetz mit seiner Infrastruktur nicht zum internationalen Standard, zum anderen gibt es hierzulande schlichtweg zu viele Verspätungen und Ausfälle bei der Deutschen Bahn.

Länge Schienennetz in NRW4700 Kilometer
Investition der Bahn ins NRW-SchienennetzZwei Milliarden Euro im Jahr 2022

Bahn in NRW: „Am engsten wird es in Köln“

Vor allem Nordrhein-Westfalen werde mittelfristig zum Problem für den europäischen Bahnverkehr, sagt Schienenverkehrsexperte Volker Stölting von der Technischen Hochschule (TH) Köln: „NRW ist ein echtes Nadelöhr.“ 4700 Kilometer Schiene liegen im bevölkerungsreichsten Bundesland, es ist das dichteste Schienennetz Deutschlands. Zugreisende, die vom Osten in den Westen Europas oder umgekehrt reisen wollen, müssen NRW zwangsläufig durchqueren.

Allein sieben RE-Linien führen von NRW aus direkt ins europäische Ausland:

Dazu kommen zahlreiche ICE-Züge etwa nach Belgien oder die Thalys-Verbindung nach Paris. Und an der NRW-Grenze stockt es gewaltig. „Am engsten wird es in Köln“, so Volker Stölting. Köln Hauptbahnhof ist ein wichtiges Drehkreuz, viele Fernreisende steigen hier um. Doch vor allem Baustellen und technische Störungen an der Strecke sorgen immer wieder für Ausfälle, Staus und Verspätungen. „Das wird in den nächsten Jahren auch so bleiben, landesweit müssen zahlreiche Gleise repariert und Strecken ausgebaut werden“, sagt Stölting.

Fünf mal mehr Bahn-Störungen als im Nachbarland

Tatsächlich ist die Bahn in Nordrhein-Westfalen besonders störanfällig, weiß Lothar Ebbers vom Fahrgastverband Pro Bahn NRW: „Wie haben hier fünf mal mehr technische Störungen als etwa in den Niederlanden.“ Züge, die von dort oder von Frankreich aus via Belgien in Richtung Osten unterwegs sind, geraten an der Grenze regelmäßig ins Stocken. Weil das Schienennetz so stark befahren ist wie in keinem anderen Bundesland, ist der Verschleiß an Weichen, Bahnübergängen und Stellwerken besonders hoch – doch jahrelang wurde geflickt und ausgebessert statt erneuert.

Bahn will zwei Milliarden Euro investieren: Ob das reicht, weiß niemand

Schuld seien auch politische Entscheidungen, sagt Ebbers. „Die Bahn wurde jahrelang kaputtgespart, jetzt muss das teils marode Netz im Hauruckverfahren renoviert werden. Der Erneuerungsbedarf ist riesig.“ Dabei sei das volle Ausmaß nicht einmal in Gänze bekannt. Denn die Bahn ist sehr geizig, wenn es um die Herausgabe konkreter Zahlen zum Zustand des Netzes geht. „Es gibt keine belastbaren regionalisierten Zustandsberichte. Obwohl es um ein öffentliches Netz geht, verbucht die Bahn das unter Betriebsgeheimnisse.“ Pro Bahn wünsche sich schon lange mehr Transparenz. Klar ist: Die Bahn will zwei Milliarden Euro in NRW investieren – ob sich das mit dem tatsächlichen Bedarf deckt, weiß bloß außerhalb der Bahn niemand.

Geld sei aber ohnehin nur ein zweitrangiges Problem, sagt Volker Stölting von der TH Köln. „Die Hauptstrecken müssen dringend ausgebaut werden, wir fahren oft zweigleisig, wo wir mindestens viergleisig fahren müssten.“ Doch die Baufirmen seien völlig überlastet und es mangele an Fachkräften. „Wir haben keine Leute, auch weil es einen Generationswechsel gibt. Das hat man zu spät erkannt“, so Stölting.

Bahn: Langwieriges Planungsrecht wird zum Problem

Ein weiteres Problem sei das langwierige Planungsrecht hierzulande: Allein die obligatorischen Planfeststellungsverfahren können sich über Jahre ziehen. Nur bei Energieinfrastrukturprojekten will der Bund künftig schneller reagieren: Bundeskanzler Olaf Scholz hatte etwa zum Auftakt der Hannover Messe im Mai 2022 versprochen: „Wir werden die Zeiten für Verwaltungs-, Planungs- und Genehmigungsprozesse beschleunigen, mindestens halbieren.“ Eine solche Zusage sei auch für die Schiene zwingend nötig, fordert Stölting: „Wir brauchen ein einheitliches Planungsrecht für alle Bundesländer.“

Doch selbst wenn die Bahn in NRW ab morgen wie geschmiert laufen würde, wäre ein effizienter intereuropäischer Zugverkehr wegen der Deutschen Bahn derzeit kaum möglich. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt das Bündnis „Bahn für alle“ in einer aktuellen Studie. „Die deutsche Bahninfrastruktur ist nicht an internationale Standards angepasst. Das bremst den Fernreiseverkehr in ganz Europa aus“, so Carl Waßmuth, Sprecher des Bündnisses.

Bahnsteige sind alle unterschiedlich hoch

Damit der internationale Bahnverkehr eine echte Alternative zum Fliegen werden könne, müsse er harmonisiert werden. Sprich: Die Infrastruktur – Schienen, Leitungen, Bahnsteige – muss europaweit möglichst einheitlich sein. In einer Rangliste, die den Stand der Harmonisierung anzeigt, belegt Deutschland allerdings nur Platz 20 von 24. Es mangelt laut „Bahn für alle“ vor allem an der Elektrifizierung der Bahnstrecken, an der Digitalisierung der Zugsicherungstechnik und an den teils stark unterschiedlichen Bahnsteighöhen, die ein barrierefreies Reisen unmöglich machen.

So haben die Bahnsteige in NRW an den meisten Bahnhöfen eine Höhe von 76 Zentimetern. An manchen Bahnhöfen sind es gar 96 Zentimeter. Der europäische Standard liegt allerdings bei 55 Zentimetern. „Das ist ein reiner Flickenteppich. Wenn Sie in einem Zug aus dem Ausland ankommen, müssen Sie beim Aussteigen eine Stufe überwinden“, so Waßmuth. Menschen im Rollstuhl oder mit Kinderwagen können ohne Hilfe nicht ein- oder aussteigen. „Bahn für alle“ fordert deshalb, dass beim Neubau oder bei der Instandsetzung von Bahnhöfen die Bahnsteige entsprechend angepasst werden. „Gerade NRW spielt eine wichtige Rolle, viele Fernverkehrsstrecken führen durch das Bundesland“, so Waßmuth.

Und schon schwelt ein weiteres Problem im Hintergrund, dessen Auswirkungen jetzt spürbar werden: massiver Personalmangel. Aktuell gibt es in NRW nicht nur wegen Baustellen viele Verspätungen bei der Bahn: Der Krankenstand bei der Bahn ist so hoch, dass er nicht ausgeglichen werden kann und Züge einfach ausfallen. (pen/IDZRNRW)

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