Was Politikerin Sigrid Beer sagt

Grüne loben Nainas Twitter-Kritik am Schulsystem

+
Die 17-jährige Naina hat eine Welle der Zustimmung ausgelöst.

NRW - Die per Twitter geäußerte Kritik der 17-jährigen Naina aus Köln am deutschen Schulsystem hat eine Welle an Reaktionen und enorm viel Zustimmung ausgelöst. Wir haben darüber mit der schulpolitische Sprecherin der Grünen in NRW, Sigrid Beer, gesprochen.

Von Carolin Drees

Texte jeglicher Art analysieren und komplizierte Matrizen rechnen. Das ist der Alltag eines jeden Schülers in Deutschland. Die Kritik der Kölner Naina an unserem Schulsystem war daher wohl schon längst überfällig. Mit ihrem Tweet „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann ´ne Gedichtsanalyse. In 4 Sprachen.“ traf sie den Nagel auf den Kopf.

Das findet auch die schulpolitische Sprecherin und parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen in NRW, Sigrid Beer. Seit 2005 ist sie im Landtag tätig. Als schulpolitische Sprecherin engagiert sie sich vor allem für mehr Chancengleichheit sowie den Aufbau eines inklusiven Bildungssystems und soziale Gerechtigkeit. Nur ein Bildungssystem, welches die Vielfalt der Menschen wertschätze, könne individuell fördern.

Naina wird mit einem Tweet zum Star (hier klicken)

Sie sagt: „Ich bin froh, dass Naina diesen Tweet veröffentlicht hat. Das zeigt, dass es sich bei dieser schon lange existierenden Debatte nicht um ein Produkt der Politik handelt. Auch Schüler wünschen sich mehr Alltagsbezug im Unterricht.“

Sigrid Beer

Die Schulinhalte müssten viel eher darauf abgestimmt werden, was den Schülern nach ihrer Schulzeit bevorsteht. Darin sieht Beer eine Notwendigkeit: „Modelle gibt es schon lange. Und ich bin froh sagen zu können, dass wir schon in der Umsetzung sind.“

Auf der einen Seite könne man Inhalte mit Lebensbezug in den bereits existierenden Fächern unterbringen - beispielsweise indem man im Mathematikunterricht Fragen wie Überziehungskredite behandelt oder ausrechnet, wie teuer die Ausstattung der ersten Wohnung wird. Oder man bringe ein weiteres Fach auf dem Stundenplan der Schüler unter.

Fach mit Lebensbezug "gibt es bereits"

„Und dieses Fach gibt es schon längst“, freut sich Beer, „Es hat einen etwas verstaubten Namen, aber das Fach Hauswirtschaft muss neu thematisiert werden.“ Anstelle von Häkeln, Stricken und Pudding kochen, müssten die Inhalte in Zukunft Banking und Mietrecht sein. Eine Namensänderung, die dem Fach einen neuen Anstrich verleihe, sei bereits in Planung.

Obwohl man als Schüler bis jetzt noch nichts davon mitbekommt, macht Beer eins klar: „Lehrer in NRW werden bereits jetzt im Rahmen der Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung, an der ich in meiner Zeit an der Universität Paderborn mitgewirkt habe, ausgebildet.“ Und auch Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Bayern machen mit, das Rahmen-Curriculum soll nämlich bundesländerübergreifend gleich sein.

„Ich bin froh, dass wir jetzt, wo Naina die Öffentlichkeit auf diese Debatte aufmerksam gemacht hat, sagen können, dass wir uns bereits auf der Arbeitsstrecke befinden und wir dieses Ziel, mehr Lebensbezug in die Schule zu bringen, schon lange haben“, so Beer weiter.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Ziele, die sich die Politik gesetzt hat, auch bald in den Schulen und vor allem bei den Schülern ankommen.

Interview mit Bildungsministerium

Die Schule bereitet auf das Leben vor. Sollte man zumindest annehmen. Sitzt man jedoch nach dem Abitur vor Formularen und Anträgen, hat man drei Fragezeichen im Gesicht. Was genau muss man da machen und wie ist so was auszufüllen? Da stellt sich die Frage, ob der Schulunterricht genug Alltagsbezug hat. Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes NRW: „Der Unterricht soll ausdrücklich an die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen anknüpfen.“ Im Interview erfuhr yourzz-Reporterin Carolin Drees außerdem, wie die Lehrpläne in NRW aussehen und ob es Unterschiede zu anderen Bundesländern gibt.

Was sind die Inhalte des Lehrplans in NRW?

Sylvia Löhrmann: Kernlehrpläne beschreiben für die einzelnen Fächer, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler im Laufe ihrer Schulzeit erwerben sollen. Sie sind damit eine wichtige Grundlage für den Unterricht, weil sie klar vorgeben, was von Schülerinnen und Schülern erwartet wird. Die Umsetzung erfolgt dann in den Schulen. Auf der Grundlage der Kernlehrpläne erstellen die Fachkonferenzen schulinterne Lehrpläne, in denen die grundlegenden Kompetenzerwartungen mit konkreten Inhalten verknüpft werden. Diese schulinternen Lehrpläne bieten auch die Möglichkeit, das eigene Schulprofil zu schärfen und eigene Schwerpunkte zu setzen.

Für Außenstehende ist es schwierig einen Bezug zum Alltag im Unterricht zu erkennen. Ist dieser trotzdem vorhanden?

Löhrmann:  Ja, selbstverständlich. Der Unterricht soll ausdrücklich an die Lebenswirklichkeit der Kinder und Jugendlichen anknüpfen. Hier liegt die entscheidende Aufgabe der Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler sollen erkennen können, welche Rolle Unterrichtsinhalte in der Welt spielen, damit sie ihr Wissen auch anwenden können. Ein Beispiel: Wenn in Hauswirtschaftslehre oder Biologie Ernährung thematisiert wird, dann wünschen wir uns, dass der Unterricht die Kinder und Jugendlichen beispielsweise auch bei der Ausprägung ihres eigenen Geschmacks unterstützt und sie etwas über die Produktion und den Umgang mit Lebensmitteln erfahren.

Jugendliche sind gerade nach der Schule häufig mit Behördengängen oder dem Ausfüllen von Formularen überfordert. Einige wissen noch nicht mal, wie man einen Überweisungsträger ausfüllt. Wie wichtig ist es, dass Jugendliche solche Dinge in der Schule lernen?

Löhrmann:  Schule hat die Aufgabe, Kinder und Jugendliche ganz grundsätzlich auf die Herausforderungen des Lebens vorzubereiten. Es geht darum, ihnen Basiskompetenzen zu vermitteln, die sie in verschiedenen Situationen anwenden können. Das Lernen geschieht dann auch anhand von konkreten Beispielen, die übertragbar sind. Insofern ist die Förderung der grundlegenden Lesefähigkeit, also das Erfassen der Kernbotschaft eines Textes oder der genauen Problemstellung, von zentraler Bedeutung. Sie hilft den Schülerinnen und Schülern später auch beim Ausfüllen von Formularen oder Überweisungsträgern.

Denken Sie, dass es Aufgabe der Schule, oder der Eltern ist, Kinder und Jugendliche auf ein Leben außerhalb der Schule vorzubereiten und ihnen beispielsweise zu erklären, wie man die Steuererklärung ausfüllt?

Löhrmann: Elternhaus und Schule müssen Kinder und Jugendliche gemeinsamen auf ein eigenverantwortliches Leben als mündige Bürgerinnen und Bürger vorbereiten. In der Schule wollen wir Schülerinnen und Schüler mit den verschiedenen Rollen vertraut machen, die sie in der Gesellschaft und im Wirtschaftsleben einnehmen werden. Dazu bringen wir zurzeit das Projekt „Verbraucherbildung an Schulen“ auf den Weg. Unser Ziel ist es, die Alltagskompetenzen der Schülerinnen und Schüler weiter zu stärken. Wir wollen die Schulen dabei unterstützen, konkrete Themen wie zum Beispiel den Umgang mit Geld oder auch das Thema Ernährung in Fächern wie zum Beispiel Hauswirtschaft und Wirtschaft/Politik sowie in weiteren Lernbereichen wie Gesellschaftslehre oder Naturwissenschaften einzubinden. Dazu werden wir in den nächsten zwei Jahren eine Rahmenvorgabe entwickeln, die die Verbraucherbildung zu einer Aufgabe für alle Schulen der Primar- und Sekundarstufe I macht. Das wird unterstützt durch eine umfangreiche Handreichung für die Umsetzung.

Sind in Zukunft Änderungen vorgesehen oder ist der Lehrplan gut so, wie er jetzt ist? In welche Richtung sollen diese gehen?

Löhrmann: Die Gesellschaft ändert sich und damit ändern sich auch die Anforderungen an Schule. Ich nenne als Beispiel die Neuen Medien. Die technische Entwicklung in diesem Bereich ist rasant. Darauf muss auch Schule reagieren. Gerade mit Blick auf das Lernen in heterogenen und inklusiven Lerngruppen bietet die Digitalisierung sehr gute Möglichkeiten zur individuellen Förderung. Die Kernlehrpläne bieten den Schulen die Spielräume, aber auch die Verantwortung für eine attraktive Umsetzung, die den Stärken der jeweiligen Schule und den Interessen der Schülerschaft Rechnung trägt. Darüber hinaus werden Lehrpläne in regelmäßigen Abständen überprüft und bei Bedarf überarbeitet. Wir werden aber auch die Lehrerinnen und Lehrer besser mit den Chancen moderner Medien für das Lernen in der Schule vertraut machen. Wir werden für die Lehrkräfte einen sicheren digitalen Arbeitsraum im Internet einrichten. So erhalten Lehrerinnen und Lehrer etwa die Möglichkeit, online mit Dokumenten zu arbeiten, die sie ganz konkret für ihren Unterricht individualisieren und nutzen können.

Sind die Lehrpläne in anderen Bundesländern anders? Würde es Sinn machen die Lehrpläne bundesweit gleich zu gestalten?

Löhrmann:  Nein, es geht um Gleichwertigkeit, nicht um Gleichartigkeit. Die Bundesländer haben sich in der Kultusministerkonferenz auf bundesweite Bildungsstandards verständigt. Diese Bildungsstandards bilden die Grundlage für die Lehrpläne, die von den Ländern beschlossen werden. Damit ist die Grundlage dafür geschaffen, dass die Anforderungshöhe und die Kompetenzerwartungen in allen Bundesländern die gleichen sind. Und was Verbraucherbildung angeht, auch hier hat die Kultusministerkonferenz zusammen mit allen Ländern grundlegende Empfehlungen erarbeitet, die nun von den Ländern umgesetzt wird.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare