Schulische Pflichtlektüre: Lehrer Hagen Röhrig erklärt Veränderungen

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Hagen Röhrig ist Deutsch- und Philosophielehrer am Märkischen Gymnasium.

HAMM - Schüler sind mit dem Lehrplan nie zufrieden. Das sieht man gerade im Fach Deutsch, wenn es um die Auswahl der Schullektüren geht. Vorgegeben sind Goethe, Kafka und Co. Doch warum behandelt man keine aktuelle Literatur? Bücher, die die Schüler interessieren?

yourzz-Reporterin Carolin Drees sprach mit Hagen Röhrig, Deutsch- und Philosophielehrer am Märkischen Gymnasium. Im Gespräch erzählt er, was er ändern würde und wie die Reaktionen der Schüler auf die Vorgaben sind.

Was ist Ihre persönliche Meinung zu Schullektüren?

Röhrig: Die Beschwerden der Schüler über Schullektüren sind so alt wie die Schule selbst. Meiner Meinung nach gehört zum Abitur aber eine gewisse Kenntnis über die deutsche Literatur. Einige Autoren der deutschen Literaturgeschichte sollte man einfach kennen. Das gehört nicht nur zum Abitur, sondern auch zu einem wie auch immer gearteten Bildungsbegriff.

Sind die Schüler zufrieden mit den vorgegebenen Büchern?

Röhrig: Das ist individuell unterschiedlich. Lehrer sind ja auch nicht immer mit den Vorgaben zufrieden.

Gibt es einen Unterschied zwischen Unter- und Oberstufe? Wird in der Unterstufe zum Beispiel mehr auf die Interessen der Schüler geachtet?

Röhrig: Ich habe seit drei Jahren nicht mehr in der Unterstufe unterrichtet. Innerhalb der Vorgaben für die Sekundarstufe I gibt es aber die Möglichkeit, auf die aktuellen Jugendbücher einzugehen. Abstimmungen mit den Kollegen in einer Stufe sind allerdings erwünscht. Das für jedes Fach „in aller Freiheit“ zu entwickelnde Schulcurriculum setzt dann allerdings jedem Kollegen und seinen Schülern recht strenge Vorgaben.

Was ist dran an der Aussage, dass man Schüler da abholen muss, wo sie stehen?

Röhrig: Das ist ein guter Satz. Angesichts der genauen Vorgaben im Rahmen des Zentralabiturs ist es dem Lehrer der Qualifikationsphase aber nicht mehr möglich, etwa zu einem bestimmten Autor oder einer Epoche im Deutschunterricht gemeinsam mit seinen Schülern einen Roman oder ein Drama auszuwählen. Im Fach Englisch zum Beispiel aber kann man wohl zwischen verschiedenen Dramen von Shakespeare wählen.

Was würden Sie ändern, wenn Sie die Schullektüren festlegen würden?

Hagen Röhrig.

Röhrig: Als jemand, der 30 Jahre im Dienst ist, weiß ich nicht, ob ich wirklich zu den Zeiten zurück will, in denen ich mit meinen Leistungskursen in der Oberstufe, im Rahmen der Richtlinien, relativ frei wählen konnte, andererseits aber auch gezwungen war, Aufgaben für das Abitur in allen Einzelheiten selbst zu erstellen. Man sollte aber überlegen, ob drei Schülerjahrgänge hintereinander wirklich die gleichen Lektüren bearbeiten müssen oder ob hier nicht mehr Freiheiten eröffnet werden könnten.

Koeppen, Kafka und Co.: Bringen diese Autoren Jugendliche wirklich weiter? Können sie aus diesen Büchern etwas für die Zukunft mitnehmen?

Röhrig: Infolge der Computerisierung der Welt, der quantifizierenden Leistungsbewertungen und Tests wie Pisa scheint es zunehmend völlig egal zu werden, an welchen Texten Schüler im Abitur die genau bepunkteten Kompetenzen, zum Beispiel der Textanalyse, erlernen. In meinen Augen findet hier eine Entfremdung statt, bei der nicht mehr die Inhalte der Literatur mit Themen wie Liebe, Suche nach Sinn oder Verantwortlichkeit eine Rolle spielen, sondern es nur noch wichtig ist, auf bestimmte Fragetypen vorgegebene Antwortmuster zu liefern. Als Lehrer suche ich noch immer die persönliche Auseinandersetzung mit Literatur, auch in der Arbeit mit Schülern. Ich gehe davon aus, dass auch diese sich persönlich einbringen. Aber das wird zunehmend weniger verlangt.

Wie sind die Reaktionen der Schüler auf die Schullektüren?

Röhrig: Es gab schon immer zehn bis 15 Prozent der Schüler, die umfangreiche Romane und Dramentexte nicht vollständig gelesen, sondern sich aus Königs Erläuterungen notdürftig informiert und dann eine Drei in der Klausur geschrieben haben. Im Zuge der Standardisierung der Aufgaben muss ich aber nun erleben, dass mir eine Schülerin, die sich persönlich und intensiv mit dem Schicksal der Iphigenie in Goethes gleichnamigen Drama beschäftigt hat, enttäuscht berichtet, dass sie wohl mindestens drei Punkte mehr bekommen hätte, wenn sie sich stärker im Internet und in „Abiboxen“ zu findende Aufgabentypen und Lösungsvorschlägen orientiert hätte.

Quelle: wa.de

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