Hammer Sexting-Expertin: "Täter wollen sich aufwerten"

HAMM - „Sexting kann dich berühmt machen, auch wenn du es gar nicht willst“, so lauten die Worte der Aufklärungskampagne der Pro Juventute, die für Sexting sensibilisieren und über Risiken informieren soll. Wir haben eine Hammer Expertin zu dem brisanten Thema befragt.

Die Worte sind klar, meist bleiben die Bilder nicht bei den Personen, für die sie angedacht waren, und machen durch Messenger und soziale Netzwerke eine Ehrenrunde, bis sie wirklich jeder gesehen hat. Über Folgen des Sextings und die Hintergründe der Täter sprach yourzz-Reporter Andreas Grabowski mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Renate Wagner.

Immer mehr Jugendliche betreiben im Chat „Dirty Talk“ und verschicken pikante Bilder von sich. Wieso?

Was ist "Sexting"?

"Sexting" ist ursprünglich die private Kommunikation über sexuelle Themen per SMS und diverser Online-Angeboten. Im engeren Sinn handelt es sich um "Dirty Talk" zur gegenseitigen Erregung. Das aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum stammende Kofferwort setzt sich aus Sex und texting (engl. "Simsen, SMS schreiben") zusammen. Im Deutschen wird das Wort hauptsächlich für das Versenden von erotischen Selbstaufnahmen per Smartphone oder Internet verwendet. "Sexting" wird vor allem von Teenagern und jungen Erwachsenen praktiziert. (Wikipedia/WA)

Wagner: Ich glaube, da gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Bei Mädchen ist es wahrscheinlich der Versuch, die Beziehung zu festigen und um dem Jungen ein gewisses Vertrauen zu demonstrieren. Quasi sagen Mädchen damit aus: „Ich halte dich für einen Guten und du wirst sicherlich keinen Mist damit machen.“ Bei den Jungs ist es wahrscheinlich die Vorstellung, dass wenn sie sich freizügig ablichten, die Mädchen damit in Ekstase versetzt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ich kann den jungen Männern nur davon abraten dies zu tun, da Mädchen eher angewidert reagieren, als dass sie dies wirklich erotisierend empfinden.

Meist werden Bilder veröffentlicht und die abgelichteten Personen werden zu Außenseitern. Was sind die Folgen? Leiden die Opfer psychisch?

Wagner: Auf jeden Fall, es ist immerhin moralisch sehr zu verurteilen, wenn jemand das Vertrauen auf diese Art und Weise missbraucht. Für die Jungs, die solche Bilder weitersenden, ist es womöglich ein Wunsch der gesamten Öffentlichkeit zu demonstrieren, wozu sie ein Mädchen bringen können. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass es Menschen mit einem sehr geringen Selbstwertgefühl sind, die versuchen sich darüber aufzuwerten. Auch im Besonderen, um ihren sexuellen Wert aufzuhübschen. Wenn jemand das öfter macht, sollte er auf jeden Fall mal mit einem Psychotherapeuten darüber sprechen.

Warum werden Bilder weiterversendet?

Symbolfoto

Wagner: Wie bereits gesagt versuchen sich die Täter aufzuwerten, sie fühlen sich nicht so toll, wie sie eigentlich sollten oder beziehungsweise wie es gut für sie wäre und wenn sie Mädchen dazu bringen, solche Fotos zu schicken, die sie dann auch noch veröffentlichen, dann fühlen sie sich dadurch besser. Das vermutet man natürlich und kann nicht pauschal gesagt werden. Aber Jungs, die mit einem Mädchen befreundet sind und zu so etwas drängen, haben höchstwahrscheinlich ein sehr geringes Selbstwertgefühl.

Wie können Freunde, Familie und Schule reagieren, um dem Opfer zu helfen?

Wagner: Zunächst sollte man Verständnis zeigen, da man sich natürlich auch unendlich schämt. Es hat eine einzelne Person ein intimes Foto von sich geschickt und dann sieht es die ganze Schule, die Lehrer und die Eltern. Im Grunde ist dies unerträglich, man muss dann auch wirklich sehr gut auf so ein Mädchen aufpassen. Es ist dann auch die Frage: Wie gut wird das Ereignis verarbeitet? Kann es überhaupt verarbeitet werden? Es ist sehr wichtig, die Scham und die Gefühle des Mädchens zu verstehen und sie möglichst wertzuschätzen und sehr respektvoll mit ihr umzugehen.

Wo kann das Opfer Hilfe suchen, wenn es nicht mit Bekannten darüber reden will?

Wagner: Es gibt eine ganze Reihe von Beratungsstellen, zum Beispiel „wildwasser“ in der Widumstraße 47, mit denen man Kontakt aufnehmen kann. Dann gibt es in Hamm auch eine Beratungsstelle für Missbrauchsopfer – und so was ist auch eine Art von Missbrauch – die befindet sich in der Nähe der Kinderklinik an der Werler Straße. Man kann sich auch an jede Beratungsstelle wenden, die von der Caritas angeboten wird oder vom Diakonischen Werk, man kann sich auch ans Jugendamt wenden und auch an jeden zugelassenen Psychotherapeuten. Es gibt im Endeffekt zahllose Möglichkeiten. Wenn ein Opfer wirklich Hilfe sucht, kann es die auch finden.

Kann man vorbeugen, indem zum Beispiel Familie oder Schule über die Gefahren von Sexting informieren?

Wagner: Informieren ist immer gut! Ob man es damit aber komplett verhindern kann, ist natürlich die Frage. Wenn jemand für ein bestimmtes Angebot an Hilfe oder an Informationen nicht offen ist, dann kann man ihn damit auch nicht erreichen. Aber selbstverständlich sollte man es so oft wie möglich wenigstens versuchen.

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Quelle: wa.de

Rubriklistenbild: © dpa

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