Ohren ersetzen Augen: Jugendliche lernen mit Behinderungen umzugehen

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Wo ist der Ball? Die Jugendlichen mussten sich rein auf ihr Gehör verlassen, um einen Ball zu stoppen. Dieser ist mit Glöckchen bestückt, so dass er sofort klingelt, sobald er in Bewegung ist.

SOEST - „Ja, ja, bisschen mehr links. Ne, jetzt wieder rechts, ja, stopp“, versucht ein Junge seinen Partner zum Ball zu lotsen. Zehn Jungen und Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren stehen mit Augenbinden in der Sporthalle des LWL-Berufskollegs und lernen Torball, eine Sportart für Blinde und Sehbehinderte.

Die vier Studentinnen Alina Linde, Dana Stumm, Annemarie Kolnsberg und Janica Minwegen von der Uni Köln befinden sich im dritten Master-Semester Rehabilitationswissenschaften und führen gemeinsam ein Studienprojekt durch. Zusammen mit dem Jugendzentrum Bad Sassendorf, dessen Leiterin Mareike Schöbel und der Mitarbeiterin Maren Bach haben sie ihr dreitägiges Projekt geplant. „Zehn Jugendliche sollen an jedem Tag eine andere Behinderung kennenlernen und so für Behinderungen sensibilisiert werden“, erklärt Alina Linde.

Am Montag war das Hören Schwerpunkt. Sie lernten gemeinsam Gebärdensprache und wurden mit Hilfe von Ohrstöpseln zeitweise „taub“. Dienstag war die körperliche Behinderung an der Reihe – in Rollstühlen machten sie eine Rallye durch Bad Sassendorf. Und am Mittwoch ging es um das Sehen. Dazu ist die Gruppe nach Soest gereist, wo der LWL-Berufskolleg-Lehrer Tobias Gasser ihnen die Sportart Torball erklärt: Zwei Mannschaften knien sich auf Matten gegenüber, hinter ihnen die Tore und in der Mitte befindet sich eine gespannte Schnur mit einer Klingel. Es heißt den Ball, der ebenfalls Klingeln enthält, unter der Schnur her zu rollen und so beim Gegner ins Tor zu bugsieren. Das wäre einfach, wären da nicht die Augenbinden, die Tobias Gasser nun an jeden verteilt. Und schon sind die Sehenden zu Blinden geworden und es kann los gehen!

„Ich bin voll abgelenkt von den ganzen anderen Geräuschen“, ruft ein Mädchen. Tobias Gasser warnt: „Ruhig! Beim Torball muss es immer erst ganz ruhig sein, weil sich die Blinden nur an den Geräuschen orientieren können.“ Er gibt den Klingelball an einen Jungen weiter, der ihn schwungvoll den Gegnern entgegenrollt – und Tor! Nach der ersten Runde, werden die Mannschaften gewechselt. „Wer hat eigentlich gerade gewonnen?“, fragt der Torschütze eine der Studentinnen, die bloß mit den Schultern zuckt. Da wird klar, bei diesem Projekt geht es nicht ums Gewinnen und Verlieren, sondern viel mehr darum, am eigenen Körper zu spüren, was es heißt, blind oder taub zu sein oder im Rollstuhl zu sitzen. Lena Zipplies, eine der Teilnehmerinnen, findet das Projekt „richtig lustig. Und ich find’s gut, weil ich selbst lernbehindert bin und so mal allen erzählen konnte, wie das so ist“.

Am Anfang Orientierung verloren

Ein Pfiff ertönt: Erneuter Mannschaftswechsel. Melissa Bach kommt begeistert vom Spielfeld: „Das war gut, aber ich hab am Anfang die Orientierung verloren. Je länger man spielt, desto besser kann man einschätzen, wo der Ball ist“. Auch der 13-jährige Jannik Moens fand es zunächst „ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Die ersten zwei, drei Bälle sind echt schwer einzuschätzen. Danach ging’s aber.“ Und er fährt fort: „Die ganzen drei Tage waren toll. Ich kann mich jetzt besser in Behinderte hineinversetzen. Wenn ich jemanden im Rollstuhl sehe, weiß ich jetzt, wie er sich fühlt.“

„Das war auch Ziel des Projekts“, erzählt Maren Bach vom Jugendzentrum Bad Sassendorf, „die Erfahrung zu machen, wie es ist, blind oder taub zu sein. Es ist unglaublich, wie interessiert alle sind.“ Auch die Studentinnen resümieren: „Das Projekt ist super gelaufen. Die Jugendlichen stellen jede Menge Fragen, mit denen man gar nicht gerechnet hat. Sie sind alle sehr neugierig, wollen alles wissen und haben keinerlei Hemmungen.“ Und dabei haben auch noch alle „total Spaß und sind super begeistert“, ergänzt Alina Linde. Das sind sie wirklich. Als Tobias Gasser nach einer knappen Stunde Torball mit mehreren Mannschaftswechseln abpfeift, ruft ein Junge: „Das müssen wir öfter machen.“ „Ja, lass uns das öfter machen, das wär voll geil!“, stimmt ihm ein anderer zu. Maren Bach nimmt die Idee direkt auf, Tobias Gasser nickt begeistert, und die Teilnehmerin Charise van den Cruysen stimmt ihr auch sofort zu: „Das wäre toll, wenn man hier vom Jugendzentrum hinkommen und ein Turnier spielen könnte.“

Doch bevor diese Idee umgesetzt werden kann, verlässt die Gruppe erst einmal die Halle, um als Projekt-Abschluss ein „Dinner in the Dark“ zu genießen. - jr

Quelle: wa.de

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