„Angst vor Diskriminierung“

Nach Outing: Eltern schicken Daniel Neumann zur Therapie

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Heute glücklich liiert: Daniel Neumann will im Sommer nach Hamburg ziehen.

HAMM - Die Homosexualität ist auch in der heutigen Zeit immer noch ein schwieriges und polarisierendes Thema. Bis sich jemand outet, vergehen meist mehrere Jahre. Die Problematik zeigt auch der Fall des Hammers Daniel Neumann.

yourzz-Reporterin Carolin Schuster sprach mit dem homosexuellen Daniel (20) über den Moment, in dem er seine sexuelle Orientierung entdeckt hat, die Reaktionen seines Umfelds und seine Vorstellungen für die Zukunft.

Beginnen wir mit einer typischen Frage für junge Leute: Bist du zurzeit in einer Beziehung?

Daniel: Ja, glücklich und zufrieden.

Ist das dein erster Freund?

Daniel: Nein. Meinen ersten Freund hatte ich mit 15. Das war eher eine Sommerromanze, mit ihm habe ich erste Erfahrungen gesammelt. Seitdem hatte ich zwischendurch mal einen Freund, aber bisher nichts Ernstes. Dann habe ich genau vor einem Jahr meinen jetzigen Freund kennengelernt.

War die Sommerromanze auch der Moment, in dem du gemerkt hast, dass du schwul bist? Also wann war für dich klar „Ich bin schwul“?

Daniel: Also die ersten Vermutungen kamen so mit 14, zu der Zeit hatte sich auch ein guter Freund geoutet. Ich habe mich dann mal informiert und geschaut und so langsam kamen die Vermutungen und die Neigung zu Männern. So richtig, richtig wahrhaben wollte ich es dann mit 16. Der Moment war einfach da, als ich mich das erste Mal so richtig verliebt habe und dachte „Wow, ist das ein toller Junge!“

Verliebt in einen Jungen – natürlich kommen da auch Gedanken an ein bevorstehendes Coming-out auf. Hattest du Angst davor?

Daniel: Unglaubliche Angst. Vor dem Outing hatten meine Eltern natürlich schon leichte Vermutungen und da konnte ich schon sehen, dass sie extrem dagegen sind. Die Reaktion hat mir panische Angst gemacht. Aber auch die Akzeptanz der Umwelt hat mir Angst gemacht, da man ja oft hört, wie intolerant die meisten sind. Man hat einfach Angst vor Diskriminierungen.

Bei wem hast du dich dann überwinden können und gesagt, dass du schwul bist?

Daniel: Das waren damals meine besten Freundinnen. Die haben das wohl schon etwas gespürt und haben es demnach auch total locker aufgenommen. Sie fanden es vollkommen in Ordnung, teilweise sogar richtig cool.

Nun zum für dich kritischen Teil: Wie haben deine Eltern reagiert?

Daniel: Als ich es ihnen ins Gesicht gesagt habe, wollten sie es erst gar nicht wahrhaben. Sie meinten, ich würde nur Spaß machen, bis sie dann merkten, dass ich es ernst meine. Mein Vater sagte damals nur, dass ich krank sei und er keinen schwulen Sohn habe. Meine Mutter fing an zu weinen, genauso wie ich. In der Zeit haben wir dann versucht uns aus dem Weg zu gehen, was alles schwierig war, da ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe. So ein oder zwei Wochen später wollten meine Eltern dann mit mir reden. Sie sagten mir, dass das alles nur eine Phase sei und dass sowas nicht normal sei und es bald vorbei wäre. Dann wollten sie, dass ich eine Therapie mache. Ich habe bloß zu allem Ja gesagt, damit der ständige Stress aufhörte.

Das klingt ja alles andere als einfach. Wie hast du es geschafft durchzuhalten und wie konntet ihr euch letztlich einigen?

Daniel: Ich hatte glücklicherweise meine Freunde bei mir, sie standen immer hinter mir, waren für mich da und haben mir geholfen. Zu Beginn der Therapie sagte meine Therapeutin natürlich, dass es unmöglich sei, Homosexualität zu therapieren. Die Therapie habe ich trotzdem fortgeführt, da ich gemerkt habe, dass es mir enorm half, mit einem „fremden“ Menschen, einem Außenstehenden, zu reden. Dadurch habe ich sehr viel Selbstbewusstsein bekommen. Eine Einigung kam von alleine mit der Zeit. Meine Mutter hat gemerkt, dass ich immer noch derselbe Junge bin wie früher und eben nicht krank bin. Sie hat es akzeptiert. Von da an hat sie begonnen, die Homosexualität kennenzulernen und hat angefangen, mit mir darüber zu reden. Zu der Zeit kam auch leider die Trennung meiner Eltern. Mein Vater hat es nie richtig akzeptiert, besonders die Anfangsphase sogar komplett ignoriert. Nach der Trennung hatte ich dann keinen weiteren Kontakt mehr zu ihm.

Auch wenn es für dich somit alles andere als einfach war – findest du, dass man sich outen sollte?

Daniel: Ja, definitiv. Ich finde es sehr wichtig für das persönliche Wohlbefinden. Ich kann mir nicht vorstellen, nicht geoutet zu sein, denn dann könnte ich nicht so sein, wie ich wirklich bin. Man muss sich vorstellen, dass man dann mit niemandem darüber reden kann. Auch wenn ich weiß, dass es schwierig ist, würde ich jeden dazu motivieren, ein Coming-out zu machen. Auch wenn es meist schwierig aufgenommen wird, ist man im Nachhinein total erleichtert. Und in der heutigen Zeit wird die Menschheit offener und offener. Doch bis Homosexualität ganz normal ist, werden wohl noch einige Jahre vergehen müssen.

Zum Abschluss etwas Poetisches: Wie stellst du dir deine Traumzukunft vor? Hochzeit mit allem drum und dran?

Daniel: Ich ziehe im Sommer zu meinem Freund – ist kein Traum, das mache ich wirklich – nach Hamburg, lebe dort glücklich mit ihm zusammen, mache Karriere in meinem Beruf und werde in einigen Jahren meinen Freund heiraten, mit Hund und Kind und allem drum und dran.

Quelle: wa.de

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