Lateinische Sprache: "Tot, aber nicht nutzlos"

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Sabine Gaßmann und Berthold Wester sind Latein-Lehrer am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium.

Hamm - Latein ist eine tote Sprache. Dieser Ansicht sind viele Schüler und wenn es um die Wahl einer zweiten Fremdsprache geht. Im Interview mit Carolin Drees berichten Latein-Lehrer vom Stein-Gymnasium, warum es sich nicht um eine nutzlose Sprache handelt und was sie für die Zukunft bringen kann.

Das Fach Latein ist ein Schülerschreck und viele finden die Sprache nutzlos. Ist Latein eine tote Sprache?

Sabine Gaßmann:  Latein ist keine Kommunikationssprache, das stimmt schon. Sie ist in gewisser Weise tot, aber keineswegs nutzlos. Latein ist vielmehr ein Prototyp für Sprachen. Durch die Methode des Übersetzens muss der Schüler sich immer wieder mit seiner Muttersprache auseinandersetzen und schärft so sein Ausdrucksvermögen. Darüber hinaus hilft Latein auch beim Erlernen anderer Sprachen.

Berthold Wester: Die grammatikalischen deutschen Sprachstrukturen werden den Schülern erst durch Latein bewusst. Man muss außerdem ziemlich genau sein. Häufig kommt es nur auf einen Buchstaben an. Dadurch sind die Schüler weniger oberflächlich.

Was bringt einem das Fach Latein?     

Wester:  Man kann auch ohne Latein glücklich sein, keine Frage. Aber man lernt fürs Leben. Latein ist der Schlüssel, für ein tieferes Verständnis. Das Wichtigste ist nicht die Sprache an sich, sondern dass man sich sprachlich auch in anderen Bereichen weiterentwickeln kann.

Gaßmann: Nützlichkeitserwägungen gibt es in allen Bereichen, nur Latein muss sich stärker verteidigen als andere Fächer. Obwohl man Latein nicht mehr spricht, bringt es eine ganze Menge. Die Schüler lernen durch die Auseinandersetzung mit lateinischen Texten auch Dinge, die auch nach zweitausend Jahren noch bedeutsam sind: so lesen und analysierem wir in der Oberstufe zum Beispiel philosophische Texte unter der Fragestellung „Was ist Glück?“ oder „Was macht den Menschen aus?“; Dabei gewinnt man Einsicht darüber, wie Menschen zu dieser Zeit gedacht haben. Auf diese Weise wird der Horizont erweitert und man profitiert.

Es wird seit längerem diskutiert, ob die Lateinpflicht für Lehramtsstudenten wegfallen soll. Können Sie sich vorstellen, dass Latein irgendwann ganz vom Lehrplan, sowohl an den Universitäten, als auch an den Schulen, gestrichen wird?

Gaßmann: Das kann ich mit nicht vorstellen. Schließlich ist Latein eines der ältesten Schulfächer. Wenn man anfängt Fächer wie Latein zu streichen, dann verkennt man, dass Latein den Horizont weitet, indem man ein umfassendes Verständnis für Kultur, Geschichte und Sprache erwirbt. Das muss auch Grundlage sein für künftige Lehrer, die Bildung vermitteln wollen.

Wester: Das kann natürlich passieren. Es stellt sich aber die Frage, was man für Abiturienten haben will. Eine anwendungsorientierte Akademikergesellschaft oder Leute, die ein breites Verständnis mitbringen? Die Diskussion ist aufgekommen, weil viele eine Hürde sehen. Die Studenten haben häufig nur ein Semester Zeit und müssen diesen Schein nebenher machen. Ich fänd es sinnvoller, wenn man diesen Schein über drei Jahre strecken würde. Latein zu streichen wäre falsch. Jeder, der lehrt, sollte einen Wissensvorsprung haben.

Quelle: wa.de

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