Studentenverbindungen

Fechten in der Münsteraner Burschenschaft „Franconia“

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Julian B. hat sich der Burschenschaft „Franconia“ angeschlossen.

Hamm - Seit Dezember 2012 besteht die studentische Verbindung „Hammstar“ in Hamm. Derzeit ist sie mit elf Mitgliedern noch im Aufbau. Für die hiesigen Studenten steht vor allem der Spaßfaktor im Vordergrund. Wie eine alteingesessene Studentenverbindung aussieht, erkennt man am Beispiel Münster.

Deshalb sprach yourzz-Reporterin Carolin Drees mit Julian B., Student an der Westfälischen Wilhelms-Universität. Der 23-Jährige ist seit seinem Studienbeginn 2013 Mitglied der Münsterer Burschenschaft Franconia. Im Interview erzählt er von Ritualen, Aufnahmekriterien, seiner ersten Verletzung beim Fechten und was eine Studentenverbindung für Hamm bedeutet.

Wie bist du in die Verbindung der Münsterer Burschenschaft Franconia gekommen und worum geht es bei euch? 

Julian: Während meiner Abiturvorbereitung sah ich im Fernsehen einen „Tatort“ aus Münster. Darin ging es um Studentenverbindungen, genauer gesagt die sogenannten Corps. Was mich daran besonders interessierte, waren die generationsübergreifenden Freundschaften und die Gemeinschaft, die dargestellt wurde. Da ich ohnehin in Münster studieren wollte, gab ich bei Google einfach mal „Studentenverbindungen Münster“ ein. Die erste Seite, auf die ich stieß, war die der Franconia. Die Veranstaltungen der Verbindung –regelmäßiges gemeinsames Essen, ein Skatturnier und viele persönliche Gespräche mit den Mitgliedern der Verbindung, sowohl mit jungen Studenten als auch im Berufsleben stehenden alten Herren, überzeugten mich zum Eintritt.

Wie verhält es sich mit Glauben und Politik in eurer Verbindung? 

Julian: Unsere Verbindung ist konfessionell und politisch ungebunden. Bei uns muss man weder einem bestimmten Glauben angehören noch eine bestimmte Partei wählen. Allerdings fordern wir politisches Interesse und Engagement von unseren Mitgliedern. Wie das dann im Einzelfall aussieht, muss jeder Bundesbruder für sich selbst entscheiden. Neben dem politischen Interesse sind die Aufnahmekriterien ein Hochschulstudium, der Wille sich für die Verbindung zu engagieren und die Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis. Die deutsche Staatsbürgerschaft spielt dabei aber keine Rolle.

Wie darf ich mir das Leben in einer Studentenverbindung vorstellen? Alle haben immer nur das Bild der amerikanischen Filme im Kopf. Trifft das zu? 

Julian mit Degen und Schärpe.

Julian: Die deutschen Verbindungen haben mit den amerikanischen Fraternities eher wenig gemein. Den Amerikanern fehlt dazu der geschichtliche Hintergrund, der ja bei den deutschen Verbindungen maßgeblich zu ihrer Entwicklung beigetragen hat. Das Leben in einer Verbindung ist im Großen und Ganzen das eines typischen Studenten. Ja, man lebt in der Regel in einem großen Haus in bester Wohnlage, das ändert aber nichts daran, dass sich unser Tagesablauf kaum von dem eines Durchschnittsstudenten unterscheidet. Wir organisieren im Laufe des Semesters verschiedene Veranstaltungen, gehen zusammen feiern und unterstützen uns gegenseitig im Studium. Im Grunde läuft das nicht anders als in einer großen WG.

Ihr fechtet. Ist das nicht ein bisschen altmodisch? Warum ausgerechnet Fechten? 

Julian: Ja, wir fechten. Aus gutem Grund, wie ich finde. Den Eintritt in unseren Lebensbund muss man mit Überzeugung leisten, dieser Überzeugung muss man sich gewiss sein. Die Mensur setzt jeden Bundesbruder einer Extremsituation aus. Er muss seine Grenzen überwinden, sich selbst einem Risiko für die Gemeinschaft aussetzen. Das stärkt nicht nur seinen Charakter, sondern zeigt uns auch, was er bereit ist für unseren Bund zu leisten. Aus der Praxis des Fechtens ergibt sich auch, dass wir keine Frauen aufnehmen. Es wäre unangebracht mit einer Dame zu fechten, genauso wie man eben keine Damen schlägt. Gefochten wird schlicht aus historischen Gründen. Das im 19. Jahrhundert übliche Pistolenduell ist mit Blick auf die Konsequenzen – sprich die vielen Todesopfer – abgeschafft worden.

Dein coolstes Erlebnis war deine erste Partie, aber dabei hast du dich auch ziemlich stark verletzt, oder? 

Julian: Ich würde sie eher extrem als cool nennen. Das Gefühl, das erste Mal auf Mensur (Fechtkampf, Anm. d. Red.) zu stehen, der Adrenalinkick dabei. Ich habe bisher nichts Vergleichbares erlebt. Ich wurde auf Quart getroffen, einem Hieb, der auf die Schädeldecke abzielt. Links oberhalb der Stirn habe ich eine Schnittwunde abbekommen, die von einem unserer Paukärzte mit drei Stichen genäht wurde. Den Treffer selbst habe ich gar nicht gemerkt, erst als das Blut über meine Stirn lief, wurde mir bewusst, dass ich getroffen wurde. Grund für den Treffer war meine fehlende Deckung, ein technischer Fehler. Große Bedeutung messe ich dem aber nicht bei. Ich ärgere mich natürlich, getroffen worden zu sein, es ist aber nicht mehr zu ändern.

Kannst du dir vorstellen, was eine Studentenverbindung für Hamm bedeutet? 

Julian: Dass sich heutzutage immer wieder neue Verbindungen gründen, ist ein gutes Zeichen. In Hamm wird man sehen, wie es mit der Verbindung weitergeht. Viele Elemente einer Verbindung erwachsen erst mit längerer Geschichte. Bis wir ein Haus unser Eigen nennen konnten, waren 37 Jahre vergangen. Es wird also einige Zeit brauchen, bis man sich genauer zu den Entwicklungen äußern kann. Für die Stadt Hamm selbst wird sich wenig ändern. Im Gegensatz dazu sind beispielsweise die Münsteraner mit knapp 30 Verbindungen längst an unser Auftreten in der Öffentlichkeit gewöhnt. Auch hierbei braucht es schlichtweg Zeit.

Anmerkung der Redaktion: Die Burschenschaft Franconia zu Münster ist nicht unumstritten, unter anderem trauerten „Burschen“ öffentlich den „verlorenen deutschen Siedlungsgebieten“ nach. Der Asta Münster hat Belege für ein völkisches Weltbild der Franconia zusammengetragen. Der Bericht ist unter http://www.asta-hannover.de/wp-content/uploads/2012/08/disconnect.pdf abzurufen. Franconia bekennt sich auf der eigenen Homepage zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Die Stadt Münster stuft die Burschenschaft als „konservativ“ ein.

Quelle: wa.de

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