Jugendliche begegnen in Warstein Flüchtlingen

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Die syrischen Studenten Khaldoun Alssadi (links) und Khaled Karkarli (rechts) erzählen Anne-Nadine Happe (Paderborn) und Laura Stöttwig (Gütersloh) von ihrer abenteuerlichen Flucht vor der Einberufung ins syrische Militär.

Kreis Soest - Ein wenig schüchtern stehen sie im Halbkreis zusammen: 17 Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland sind in das 1 200-Einwohner-Dorf Niederbergheim bei Warstein gekommen, um zu sehen wie Flüchtlinge dort leben.

„Bisher kenne ich das nur aus dem Fernsehen“, bekennt Anne-Nadine Happe aus Paderborn. Von dem syrischen Studenten Khaldoun Alssadi erfährt die 20-Jährige, wie er vor der Einberufung ins syrische Militär floh und in der libyschen Wüste gekidnapped wurde.

Erst als seine Familie Geld an die Entführer überwies, konnte er seine Flucht fortsetzen. Auf einem dieser „selbstmörderischen Boote“, wie er erzählt, verbrachte er mit vielen anderen zwei Tage auf dem Mittelmeer, bevor sie gerettet wurden. „Sehr beeindruckt“ ist die Paderbornerin von dieser Geschichte. „Man muss sehr viel Mut zu solch einer Flucht haben.“

Auf Einladung von „youngcaritas“ in NRW machten sich insgesamt 80 junge Erwachsene bei einem „Refugees Welcome Lab“, einer Willkommens-Werkstatt, vier Tage lang ein Bild von der Situation von Flüchtlingen.

„Junge Menschen können hier einen wichtigen Beitrag leisten“, ist Linda Kaiser von youngcaritas im Erzbistum Paderborn sicher. Eine Exkursion zeigt das Leben von Flüchtlingen im Dorf und in der Stadt. In Niederbergheim erklärt Gerrit Greiß von der Caritaskonferenz Allagen/Niederbergheim die Probleme der Flüchtlinge mit dem Abwarten und Nichtstun, auch mit der Sturheit und Verständnislosigkeit mancher deutscher Beamter.

Er setzt sich ein für die rund 60 Flüchtlinge in Niederbergheim, will sie ins Dorf integrieren, kämpft für eine menschliche Umgebung und stößt bei vielen Behörden auch auf offene Ohren. „Das sind Menschen wie wir alle. Wir müssen einfach vernünftig miteinander umgehen.“

Den Jugendlichen, die sich auch die Zimmer der Flüchtlinge anschauen dürfen, empfiehlt er: „Geht in Flüchtlingsunterkünfte und redet mit den Leuten. Das sind meist sehr gastfreundliche Menschen. Ohne einen Tee oder Kaffee kommt ihr da nicht wieder raus.“

Elf Menschen teilen sich einen Klassenraum

In Dortmund haben sich die jungen Leute zuvor eine Übergangseinrichtung für Flüchtlinge angeschaut. In der ehemaligen Hauptschule „Am Ostpark“ leben rund 120 Flüchtlinge, die vor allem aus Syrien stammen. Derzeit teilen sich sogar elf statt zehn Menschen einen der Klassenräume.

Eine Notlösung sei das, betonte Christoph Gehrmann vom Caritasverband Dortmund, der die Einrichtung trägt. Doch angesichts der weltweit größten Flüchtlingsbewegungen seit dem Zweiten Weltkrieg werde zusätzlicher Raum benötigt

Diallo Djouma, Oppositioneller aus Guinea, berichtete Annelie Löhn von seiner lebensgefährlichen Flucht durch mehrere Länder und über das Mittelmeer.

Die Besucher interessiert der Einfluss der rechten Szene in Dortmund. Hier, in der östlichen Innenstadt, habe es bisher keine Übergriffe gegeben, sagt Gehrmann. „Die rechte Szene an sich ist klein. Sie schafft es aber, bundesweit Leute anzulocken.“ Ein Teilnehmer berichtet von einem Kumpel. „Der denkt auch so ein bisschen rechts“ – und poste Parolen wie „Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg“ auf Facebook. „Ich finde das nicht gut.“ „Im Grunde hilft nur sachliche Information“, sagt Gehrmann.

Die niedrige Geburtenrate in Deutschland, die zunehmende Zahl an betagten Bürgern, der Mangel an Fachkräften: „Wir brauchen Migration.“ Sören aus Münster wirft ein, man dürfe Flüchtlinge aber „nicht einteilen in Facharbeiter und Nichtfacharbeiter“. Tiran Danielyan, Leiter der im Frühjahr eröffneten Übergangseinrichtung für Flüchtlinge, berichtet, dass bereits mehr als 50 Bewohner in private Wohnungen gezogen seien. „20 weitere bereiten sich darauf vor.“

Das überrascht Teilnehmerin Lisa, die selber Flüchtlinge betreut: „Vermieter haben auf unsere Anfragen meist nicht reagiert.“ In Dortmund gebe es dagegen auch Leute, „die hier anrufen und ausdrücklich an Flüchtlinge vermieten wollen“, erzählt Danielyan.

Licht und Schatten liegen dicht beieinander

Beeindruckt zeigen sich die 17 jungen Besucher, wie Menschen ehrenamtlich helfen wollen. „Die Ehrenamtlichen haben verschiedene Gruppen gebildet, etwa für Kinderbetreuung, Freizeitgestaltung oder Deutschunterricht“, sagt Tiran Danielyan stolz. Man arbeite Hand in Hand.

Annelie Löhn fühlt sich von dem in Dortmund und Niederbergheim Erlebten herausgefordert. Von Diallo Djouma aus Guinea hat die junge Frau zuletzt gehört, wie er aus seinem Land floh, weil er als Oppositioneller Verfolgungen der Regierungspartei ausgesetzt war. „Soldaten haben mein kleines Geschäft zerstört“, erzählt er. Unter Lebensgefahr schaffte er es nach Europa. „Ein Hubschrauber hat mich aus einem Schlauchboot mitten im Meer gerettet.“

„Ich will mich künftig mehr engagieren“, verspricht Annelie, die derzeit Sozialwissenschaften studiert. „Wir haben heute vor Augen gehabt, was man alles tun kann.“

www.youngcaritas.de/nrw.

Quelle: wa.de

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