Jugendliche und Alkohol: „Viel vertragen gilt als cool“

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HAMM - Viele Jugendliche trinken zu viel Alkohol. Das ist bekannt und wird vielfach diskutiert. Nicht in allen Fällen ist das ein gravierendes Problem - in anderen hingegen schon. Sowohl für die Betroffenen wie für Eltern und Umfeld. Unsere Yourzz-Reporter haben einen Hammer Fachmann befragt.

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Seit vielen Jahren werden die Trinkgewohnheiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutschlandweit von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erhoben. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2012 zeigt, dass 13,6 Prozent der zwölf- bis 17-Jährigen regelmäßig einmal die Woche trinken. Doch ab wann betreiben Jugendliche einen riskanten Alkoholkonsum, und wie verhält man sich als Freund, wenn einem dies auffällt? Über diese Fragen unterhielt sich yourzz-Reporterin Carolin Drees mit Dr. Moritz Noack, bereichsleitender Oberarzt der Abteilung für Suchttherapie in der LWL Universitätsklinik Hamm (www.drug-out.lwl.org).

Ab wann trinkt ein Jugendlicher zu viel?

Dr. Noack: Ein Jugendlicher trinkt sicherlich dann zu viel, wenn er an mehreren Tagen in der Woche trinkt, keine Pausen einlegt werden und Alkohol für ihn ständig dazugehört, um Spaß zu haben. Bei den meisten Jugendlichen, die zu viel Alkohol trinken, spricht man bei einsetzenden persönlichen Problemen oder Konflikten im Umfeld von einem Missbrauch oder schädlichen Gebrauch von Alkohol. Eine körperliche Abhängigkeit entwickelt sich in der Regel erst später, meistens nach längerer Zeit des Trinkens im frühen Erwachsenenalter. Aber auch durch einen riskanten Alkoholkonsum kann es zu deutlichen Gefährdungen in der Entwicklung von Jugendlichen kommen.

Für Konfliktlösung nicht geeignet

Was sind die häufigsten Gründe dafür, dass Jugendliche einen riskanten Alkoholkonsum betreiben?

Dr. Noack: Alkohol wird im Jugendalter eigentlich aus den gleichen Gründen getrunken wie bei Erwachsenen. Jugendliche und Erwachsene versprechen sich von Alkohol in erster Linie Spaß, gute Stimmung und Entspannung. Weiterhin ist die Phase der Pubertät auch die Zeit des Ausprobierens und Experimentierens, die Risikobereitschaft ist meistens höher als im späteren Erwachsenenalter. Da gehört dann Alkoholtrinken oft auch dazu. Wie viel Alkohol ich trinke, hängt aber immer auch von mir selbst ab. Kann ich auch „Nein, danke – heute nicht“ sagen? Oder trinke ich mit, um in der Clique mitzuhalten? Ein riskanter Alkoholkonsum entsteht meistens dann, wenn Alkohol nicht mehr nur beim Feiern oder aus Spaß getrunken wird, sondern damit zunehmend Probleme entstehen oder Unzufriedenheit kleiner gemacht werden soll. Alkohol soll dann zur Konfliktlösung dienen, was aber auf Dauer nicht gelingt.

Gelingt es Jugendlichen, die riskanten Alkoholkonsum betreiben, diesen zu verstecken und ihrer Umgebung glauben zu machen, dass es ihnen gut geht?

Dr. Noack: Zu erkennen oder zu akzeptieren, dass man ein Problem mit Alkohol hat, greift bei den meisten Menschen erst mal das Selbstwertgefühl sehr stark an. Niemand möchte ja gerne für seinen Alkoholkonsum kritisiert werden oder vielleicht sogar als abhängig gelten.

Dr. Moritz Noack arbeitet in der Suchttherapie.

Deshalb versuchen viele Menschen mit Suchterfahrungen, sich und ihrer Umgebung die Trinksituation lange Zeit besser darzustellen, als sie vielleicht wirklich ist. Das machen Erwachsene aber genauso wie Jugendliche. Häufig gelingt das auch eine Weile, später wird oft auch schon alleine getrunken. Das kann dann in einen verdeckten, nicht mehr offenen Konsum übergehen, über den nicht mehr gesprochen wird. Aber wir anderen sind ja auch daran beteiligt: Solange viel Alkohol vertragen als stark oder cool gilt, wird das auch nicht hinterfragt oder kritisiert. Dann muss man gar nicht heimlich trinken.

Meistens gibt es Warnsignale 

Woran kann ich erkennen, dass einer meiner Freunde zu viel trinkt? Gibt es Warnsignale?

Dr. Noack: Meistens schon. Risikofragen, die man sich oder anderen stellen könnte, sind beispielsweise „Wird Alkohol immer öfter zum Entspannen oder Spaß haben benötigt?“, „Trinkt der Freund oder die Freundin mehr als früher, vielleicht auch dauerhaft und mehr als andere im Freundeskreis?“ oder „Trinkt jemand öfter auch alleine und nicht mit anderen zusammen?“. Auch die Frage nach Verhaltensänderungen kann man sich stellen. Wenn die Antworten auf diese Fragen auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen sind, können das Warnhinweise sein.

Wie verhalte ich mich, wenn mir genau das auffällt? Spreche ich die Person an und mache sie darauf aufmerksam oder ziehe ich Hilfe von außen hinzu?

Dr. Noack: Da gibt es kein Patentrezept, aber man sollte versuchen, es anzusprechen. Wenn man sich die Geschichte von Menschen mit riskantem Alkoholkonsum oder Abhängigkeitserkrankungen ansieht, dann hat sehr häufig erst die Reaktion der Freunde und Familie eine Veränderung des Konsumverhaltens gebracht. Gut ist sicherlich, wenn man sich darüber mit anderen Freunden oder der Familie austauschen kann. Dann muss man diejenige Person vielleicht auch nicht alleine ansprechen. Gute Freunde sollten sich so was sagen und gemeinsam darüber reden dürfen. Wenn man dann merkt, das reicht nicht aus, kann Hilfe von außen, wie ambulante Suchtberatung oder später auch Suchttherapie, einen wichtigen Beitrag leisten.

Hammer Netzwerk hilft bei Problemen

Wie kann man Jugendlichen mit riskantem Alkoholkonsum helfen?

Wenn Alkohol mehrmals in der Woche getrunken wird, dann kann der Konsum gefährlich werden.

Dr. Noack: Zum einen, indem man versucht, auf ihr direktes Verhalten Einfluss zu nehmen. Hier zählen Eltern, Freunde, Lehrerinnen oder auch Vereinstrainer genauso dazu wie unsere ganze Gesellschaft. Jugendliche und Erwachsene mit riskantem Alkoholkonsum sollten nicht isoliert oder abgeschoben werden, denn dann besteht meistens weiterhin die Gefahr, dass sie zur Flasche als Lösung ihrer Probleme greifen. In Hamm haben sich in diesem Jahr unter der Leitung der Fachstelle für Suchtvorbeugung verschiedene Einrichtungen der Stadt und Kliniken und Beratungsstellen zu dem Netzwerk „GigA – Gemeinsam initiativ gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen“ zusammengeschlossen. Davon sollen in Zukunft auch Jugendliche mit riskantem Alkoholkonsum und ihre Familien profitieren.

Kann man den richtigen Umgang mit Genussmitteln lernen?

Dr. Noack: In den meisten Fällen schon. Wie Erwachsene mit Alkohol umgehen, lernen die meisten Kinder zuerst in ihrer Familie. Hier kommen den Eltern wichtige Rollen zu, zuerst als Vorbilder und später im Jugendalter der Kinder als erste Anleiter im Umgang mit Alkohol. Später machen Jugendliche dann ihre Trinkerfahrungen meistens in der Gruppe von Gleichaltrigen. Hier ist es wichtig, dass ein guter Freundeskreis auch gegenseitig auf sich aufpasst, man zum Beispiel niemanden betrunken Autofahren lässt, und dass man darauf achtet, dass gemeinsam Spaß haben nicht heißen sollte: Dafür brauchen wir jedes Mal Alkohol. Gerade weil regelmäßiger Alkoholkonsum im Jugendalter die körperliche Organ- und Gehirnentwicklung stark beeinträchtigen kann, sollte mit dem regelmäßigen Konsum nicht zu früh begonnen werden.

Yourzz befragt Jugendliche: Alkohol gehört dazu

Für die meisten Jugendlichen ist Alkohol kein Fremdwort. Eine Statistik der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2012 zeigt, dass 38,4 Prozent der 18- bis 25-Jährigen regelmäßig mindestens einmal pro Woche Alkohol konsumieren. Dabei fällt auf, dass der Alkoholkonsum insgesamt eher zurückgegangen ist.

Nur 14 Prozent der Befragten trinken keinen Alkohol. Hier klicken zum Vergrößern.

Die Zahlen für riskanten Alkoholkonsum und Rauschtrinken bleiben jedoch nahezu gleich hoch. So ist ein Tageskonsum von einem Standardglas Bier – 0,3 Liter – für Frauen und zwei Standardgläsern für Männer die Grenze zum riskanten Alkoholkonsum.

Gerade bei Jugendlichen in der Entwicklung sollten die Grenzen jedoch niedriger sein. Im Jahr 2012 gaben trotzdem 5,1 Prozent der zwölf- bis 17-Jährigen und 16 Prozent der 18- bis 25-Jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei einer Untersuchung der BZgA an, diese Grenze regelmäßig zu überschreiten.

Umfrage:

Wo wird in deinem Umfeld Alkohol getrunken?

Partys: 45

Freunde: 27

Zuhause: 22

Verein: 6

Wie reagierst du, wenn es auf einer Fete keinen Alkohol gibt?

gehe hin: 61

gehe nicht hin: 24

ist egal: 8

langweilig: 7

Aber warum trinken Jugendliche überhaupt Alkohol? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat yourzz 100 Hammer Jugendliche gefragt, was ihre Beweggründe sind. 50 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen Alkohol schmeckt, während sieben Prozent sagten, dass Alkohol trinken einfach dazu gehöre. Hier liegt die Annahme nahe, dass der Alkoholkonsum Jugendlicher auch etwas damit zu tun hat, dazu gehören zu wollen.

Am häufigsten trinken Jugendliche in der Gruppe, so sagen 45 Prozent, dass sie Alkohol vor allem dann konsumieren, wenn sie mit Freunden auf einer Party sind. 14 Prozent der Hammer Jugendlichen gaben an, keinen Alkohol zu trinken. Man könnte davon ausgehen, dass Partys, auf denen kein Alkohol angeboten wird, von Jugendlichen nicht angenommen werden.

Das Ergebnis der Yourzz-Umfrage ist jedoch ein anderes: 61 Prozent der Jugendlichen würden diese Party trotzdem besuchen, da sie davon ausgehen, dass sie trotzdem Spaß machen könnte. Acht Prozent ist es sogar egal, ob Alkohol angeboten wird oder nicht.

Quelle: wa.de

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