„Sensibel mit Tieren umgehen“

Helena Bröring: Vegetarierin trotz Tiermedizin-Studium

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Helena Bröring studiert im vierten Semester Tiermedizin.

HAMM - Als Kind mussten ihre Geschwister als Tiere für ihre Tierarztpraxis herhalten, heute studiert Helena Bröring im vierten Semester Tiermedizin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Da auch ihr Vater Tierarzt ist, hatte die 20-Jährige bereits früh realistische Vorstellungen von ihrem Traumberuf. Über ihr Studium und die praktischen Erfahrungen sprach die Hammerin im Interview mit Marc Borgmann.

Wie ist dein Studium aufgebaut? 

Helena: Das Tiermedizinstudium ist noch relativ klassisch in einen vorklinischen und einen klinischen Teil gegliedert. Nach den ersten vier Semestern muss man das Physikum bestehen, danach wird es dann eigentlich erst richtig interessant, wenn man im klinischen Teil „ans Tier“ darf. Insgesamt besteht das Studium aus elf Semestern, also fünfeinhalb Jahren. Zusätzlich zu den theoretischen Pflichtveranstaltungen muss man in der vorlesungsfreien Zeit Praktika absolvieren und kann zusätzlich noch freiwillig an Exkursionen teilnehmen.

Ihr habt also viele praktische Anteile. Was hast du dort bisher gemacht und gelernt? 

Helenas eigenes Pferd hat sie zu ihrem Studienort begleitet.

Helena: Im Anatomieunterricht haben wir uns den Aufbau der einzelnen Tiere angeschaut und durften dann auch selbst mit Schere und Skalpell erste Erfahrungen an verschiedenen Präparaten sammeln, zum Beispiel wie sich ein Schnitt durch die Haut so anfühlt. Wirklich praktisch wurde es im Landwirtschaftspraktikum, in dem wir erst einmal generell den Umgang mit Nutztieren lernen sollten, da nicht jeder Student schon Erfahrungen mit Rindern und Schweinen gemacht hatte. Im Kuhstall haben wir Rinder enthornt und rektalisiert, bei Geburten geholfen und Schlundsonden geschoben. Im Schweinestall durften wir helfen, die Ferkel zu kastrieren und die Schwänze zu kupieren sowie Untersuchungen bei Säuen und Ferkeln durchführen.

Baust du Beziehungen zu Tieren auf? 

Helena: Ja, auf jeden Fall. Gerade natürlich zu den eigenen Tieren, mein Pferd beispielsweise hat mich nach Hannover begleitet und wenn ich am Stall bin, dann wirkt das immer wie eine kleine Therapie. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, Beziehungen zu Tieren und speziell auch zu seinen Patienten aufbauen zu können, um sie bestmöglich behandeln zu können. Anders als der Mensch kann das Tier sich ja nicht mitteilen, unter welchen Schmerzen es leidet und wie es sich fühlt. Da ist schon das nötige Gespür des Tierarztes vonnöten, um die richtige Diagnose zu stellen.

Was gefällt dir besser: kleine Betriebe oder Massenhaltungen? Wo möchtest du später arbeiten? 

Auch Kühe musste die junge Hammerin schon behandeln.

Helena: Generell gefallen mir die Haltungen am besten, in denen es den Tieren am besten geht. Da in der Nutztierbranche das Tier aber vor allem unter dem wirtschaftlichen Nutzen, den es bringt, beurteilt wird, müssen da meist in allen Haltungen Abstriche gemacht werden. In kleineren Betrieben ist oftmals der persönliche Kontakt zum einzelnen Tier besser gegeben, fortschrittlicher sind aber oft die großen Betriebe. Der „Billig-Trend“ in den Supermärkten macht es den kleinen Familienbetrieben sehr schwer, überhaupt noch genug zu erwirtschaften, geschweige denn den Tieren das Leben zu ermöglichen, das uns auf Lebensmittelverpackungen oft vorgegaukelt wird. Arbeiten möchte ich später nicht in der Nutztierbranche, da ich dafür einfach zu emotional bin.

Wie wichtig ist dir der Bio-Begriff? Isst du Fleisch? 

Helena: Nein, seit circa fünf Jahren esse ich kein Fleisch mehr, seit einem Jahr bin ich auch auf Soja- statt Milchprodukte umgestiegen. Eier kaufe ich eigentlich nur bei unserem Nachbarn. Diese Entscheidungen habe ich getroffen, weil ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann, Produkte von Tieren zu essen, bei denen ich nicht weiß, wie sie leben oder gelebt haben. Der Bio-Begriff an sich ist mir wichtig. Leider ist Bio aber nicht gleich Bio und das Leben auf einem Bio-Hof für die Tiere auch nicht immer besser als in einem fortschrittlichen konventionellen Betrieb. Meistens ist Bio aber die bessere Alternative. Mir persönlich ist es aber wichtiger, dass die Lebensmittel, die ich kaufe, regional angebaut wurden und nicht erst um die halbe Welt gereist sind, dafür aber ein Bio-Siegel besitzen.

Muss man als Tierarzt ein dickeres Fell haben, wenn man zum Beispiel an das Schlachten denkt? 

Helena: Ja und nein. Gerade als Tierarzt muss man sensibel für die Empfindungen der Tiere sein und auch wenn es sich um Nutz- oder Schlachttiere handelt, so sollen diese doch auf keinen Fall auf dem Weg zu unseren Tellern leiden, wofür die Tierärzte, die in den Schlachthöfen arbeiten, mitverantwortlich sind.

Ekelst du dich vor bestimmten Aufgaben oder fällt dir eine bestimmte Aufgabe schwer? 

Unter Kühen: Die 20-jährige Helena Bröring.

Helena: Also der Typ, der sich vor irgendetwas ekelt, bin ich eigentlich nicht. Klar muss man sich etwas überwinden, wenn man irgendetwas zum ersten Mal macht, wie zum Beispiel ein Ferkel zu kastrieren. Da habe ich erst auch gesagt, ich mache das nicht, so ganz ohne Narkose. Aber als es ein paar Mal vorgemacht wurde, haben alle aus meiner Gruppe auch selbst ein Ferkel kastriert, allein schon, weil diese Prozedur ja immer noch Realität in allen Schweineställen ist und man wirklich nur durch solche praktischen Erfahrungen die nötige Sensibilität und das nötige Fachwissen erwirbt.

Welche Frage wird dir von deinen Freunden am häufigsten im Bezug auf dein Studium gestellt? 

Helena: Am häufigsten ist die Frage, wie ich Vegetarierin sein und trotzdem Tiermedizin studieren kann, da die Tiere in der Anatomie ja auch extra für uns getötet würden und ob ich denn wüsste, dass man auch ein Praktikum im Schlachthof machen muss. Abgesehen davon, dass schätzungsweise ein Viertel meiner Mitstudenten Vegetarier sind, finde ich, dass eine ganz klare Grenze zwischen dem Schlachten der Tiere für den menschlichen Verzehr und dem Töten für Forschungs- und Ausbildungszwecke zu ziehen ist. Das, was ich jetzt lerne, kann ich später anwenden, um Tieren zu helfen, zudem werden meist Tiere „verwendet“, die in den jeweiligen Kliniken verstorben sind und, was ich persönlich am ausschlaggebendsten finde, werden die Tiere von den Studenten mit dem nötigen Respekt behandelt. Dass ich ein achtwöchiges Praktikum im Schlachthof absolvieren muss, war mir natürlich vor Beginn des Studiums klar. Ich glaube, dass dies eine sehr wertvolle Erfahrung sein wird, da man ja selten mit objektiven Aufnahmen aus Schlachthöfen konfrontiert wird, sondern eher mit Schreckensszenarien von Tierschutzaktivisten oder ähnlichem. Meiner Meinung nach aber ist es essenziell wichtig, sich von solch kontrovers diskutierten Themen ein eigenes Bild zu machen, da man nur so überzeugend den eigenen Standpunkt vertreten kann.

Quelle: wa.de

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