Hammer Experte: "PC-Sucht ist schleichender Prozess"

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Ein junger Mann sitzt an seinem Computer und spielt das Computer-Online-Rollenspiel „World of Warcraft“.

Hamm - Die Nutzung digitaler Medien, insbesondere die des Computers, ist aus unserem heutigen Lebens- und Arbeitsalltag kaum noch wegzudenken. Doch wo hört der „normale“ tägliche Gebrauch auf und wo beginnt die Sucht?

Egal, ob soziale Netzwerke, Tabellenarbeiten im Büro, die Power-Point-Präsentation für die Schule oder Zerstreuung durch Computerspiele – in irgendeiner Form verbringt jeder eine nicht unerhebliche Zeitspanne vor einem Bildschirm. Über die Gefahren unterhielt sich yourzz-Reporterin Viktoria Kapteina mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Wolfgang Weindel aus Hamm.

Wie kann es zu einer Abhängigkeit kommen?

Weindel: Die Gründe dafür sind natürlich ganz vielfältig. Einer der Hauptgründe dürfte allerdings die Verfügbarkeit des Internets darstellen. Bei der Suchtentwicklung spielen die verschiedensten Faktoren eine Rolle. Beispielsweise gibt es durchaus eine angeborene Affinität, die die Wahrscheinlichkeit, in eine Abhängigkeit zu geraten, deutlich erhöhen kann. Auch das Geschlecht spielt eine Rolle. Jungs sind generell anfälliger für eine Suchtentwicklung. Daneben kann die übermäßige Beschäftigung mit dem Computer auch ein Ausweg vor unliebsamen Problemen und Realitäten sein, zum Beispiel bei Schulschwierigkeiten, Ärger mit Freunden oder einer Trennung der Eltern. Auch psychische Erkrankungen wie ADS oder Depressionen können das Risiko für eine Suchtentwicklung erhöhen. Eine Abhängigkeit ist oft ein schleichender Prozess, den die meisten erst realisieren, wenn es schon zu spät ist.

Kann man eine Computersucht weiter differenzieren?

Dr. Wolfgang Weindel

Weindel: Man kann sie durchaus differenzieren, wobei der Nutzen einer solchen Kategorisierung für die Diagnosestellung wahrscheinlich eine geringere Bedeutung hat. Für die Behandlung ist es jedoch sicherlich von Nutzen, wenn der Therapeut die Besonderheiten der unterschiedlichen Medien kennt. Jedenfalls gibt es noch keine allgemeingültige Klassifizierung, da das Phänomen relativ jung ist. Es wird bei Süchten nur generell zwischen substanzgebundener und substanzungebundener Abhängigkeit unterschieden. Erstere wäre beispielsweise die Abhängigkeit von Heroin, also einem Stoff, den man physisch konsumiert, während für zweitere die Computersucht oder die Spielsucht als Paradebeispiel dient. Trotzdem gibt es Unterschiede. Bei Onlinespielen nutzen die Spieledesigner bewusst Methoden aus der Verhaltenspsychologie, wie Belohnungen, Verstärkung, Vermeidung von Verlusten, um die Spieler am Ball zu halten, während bei sozialen Netzwerken die Anerkennung und das Gefühl der Zugehörigkeit eine größere Rolle spielen. Bei Rollenspielen wiederum besteht die Möglichkeit, seinen Avatar gänzlich nach eigenen Wünschen zu gestalten, weit über die Realität hinaus, und Verhaltensweisen auszuleben, die man sich im wirklichen Leben nicht traut. Gerade für Jugendliche, die sich noch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung befinden, bieten solche virtuellen Welten attraktive Alternativen, insbesondere dann, wenn einem die eigene „echte“ Persönlichkeit nicht gefällt.

Welche Folgen entstehen durch eine solche Abhängigkeit?

Weindel: Die Folgen sind sehr vielfältig. Generell sind Jugendliche anfälliger für eine Suchtentwicklung, da diese noch keine ausgereifte Persönlichkeit besitzen. Die Abhängigkeit führt durch die immer mehr ausufernde Beschäftigung mit dem Computer oder dem Handy zur Einschränkung sozialer Kontakte. Es wird nicht mehr ausreichend geschlafen. Das Lernen für die Schule unterbleibt, mitunter kommt es zum Schuleschwänzen. Pflichten werden nicht mehr erfüllt. Wenn die Eltern versuchen, den Medienkonsum zu unterbinden, wird teilweise überschießend und aggressiv reagiert. Der übermäßige Medienkonsum führt aber auch dazu, dass der Jugendliche kaum noch Erfahrungen in der sozialen Realität sammeln kann, sondern nur noch virtuell unterwegs ist. Dadurch wird seine gesamte Entwicklung erheblich eingeschränkt. Darüberhinaus sind oft Haltungs- und Augenschäden sowie eine falsche Ernährung zu beobachten.

Kann man eine Grenze ziehen zwischen dem heute üblichen Computergebrauch und einem wirklichen Suchtverhalten?

Weindel: Eine Sucht lässt sich nicht alleine durch die vor dem Computer verbrachte Zeit bestimmen. Für eine Sucht müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein, insbesondere sind dabei die Erhöhung der „Dosis“ sowie das Problem, die Tätigkeit zu unterbrechen oder einzuschränken, zu nennen. Die Summe der Kriterien definiert das Suchtverhalten. Deutliches Zeichen ist beispielsweise auch eine gereizte Reaktion auf eine von außen auferlegte Einschränkung des Konsums und die sukzessive Einstellung sozialer Kontakte zu Gunsten der Beschäftigung mit Computer und Handy.

Welche Faktoren begünstigen eine Abhängigkeit und was kann präventiv getan werden?

Weindel: Der billige und allgegenwärtige Zugang zu Computer und Internet begünstigt natürlich eine Suchtentwicklung. Hinzu kommen persönliche Umstände und Vorerkrankungen sowie die Art des Spiels. Ein sehr wichtiger, nicht zu unterschätzender Punkt ist die Beeinflussung eines Kindes von außen. In den ersten Jahren unseres Lebens entwickeln wir die Grundstrukturen unserer späteren Persönlichkeit. Viele Eltern sind sich dessen nicht gänzlich bewusst und neigen daher zu einem kontraproduktiven Erziehungsverhalten, indem sie ihren Kindern einen frühen unbegleiteten Zugang zu Computern, Smartphones und ähnlichem ermöglichen. In welchem Kinderzimmer findet sich heutzutage kein Fernseher? Allerdings würde wohl kein Elternteil auf die Idee kommen, seinem Kind eine Flasche Schnaps in das Zimmer zu stellen. Das Prinzip ist dasselbe, nur dass sich viele Eltern über das Suchtpotential digitaler Medien überhaupt nicht im Klaren sind. Hierfür fehlt ihnen leider allzu oft das nötige Verständnis dieser Technik. Aber Eltern können etwas tun! Gerade am Anfang sind Sperren bezüglich der Computerzeit sehr vielversprechend. Je früher sich das Kind an Einschränkungen im Computerkonsum gewöhnt, desto höher die Chancen, eine spätere Sucht zu vermeiden. Auch das Medienverhalten der Eltern spielt eine Rolle, denn Eltern sind Vorbilder. Wichtig ist, dass Eltern die Auseinandersetzung nicht scheuen. Schließlich lässt sich die Lösung auf einen einfachen, aber passenden Satz komprimieren: Medienkompetenz beginnt mit Medienabstinenz!

Quelle: wa.de

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